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Der Reichtum der einen…

In Gesellschaft on 30. Oktober 2011 at 14:39

Wenn ich erst wieder zu Hause bin, werde ich reich sein, unsagbar reich. Denn komme ich morgens zur Arbeit, achte ich peinlich genau darauf, meine Tasche nicht auf den Fußboden zu stellen. Und wenn in meiner Teetasse kurz nach dem Einschenken kleine Schaumbläschen an der Oberfläche schwimmen, stecke ich meinen Finger hinein und berühre dann meine Stirn. – Für mich ist das alles ein Spiel. Aber wäre es nicht schön, wenn es tatsächlich so einfach wäre? Wenn es reichte, irgendwelchen lokalen Aberglauben nachzurennen?  Dann würden in diesem Land vielleicht nicht so viele junge Menschen davon träumen, auszuwandern – und sei es auch nur für ein paar Jahre, um zu studieren, Geld zu verdienen, frei zu sein.

Marmelade gehört hier nicht aufs Brot, sondern begleitet den Tee

Fast alle Frauen und Männer meiner Generation, die ich bislang getroffen habe, erzählen mir von ihren Plänen, irgendwann, demnächst oder bald ins Ausland zu gehen. Am liebsten nach Amerika oder Europa und wenn das nicht klappt, dann in die Türkei oder wenigstens Russland.  Dabei ist Aserbaidschan doch gerade im Begriff, sich ganz neu zu erfinden, an allen Ecken und Enden entstehen neue Prachtbauten, dass hier das große Geld zu Hause ist, sieht man in der Innenstadt von Baku an jeder Straßenecke.

Innenstadt von Baku

Aber der Reichtum aus Öl und Gas ist nicht für die Massen. Wenn das normale Gehalt eines Beamten (ohne Schmiergelder) bei etwa 180 Euro liegt, wovon soll man dann träumen? Alles wird unerreichbar: Eine eigene Wohnung zu kaufen oder zu mieten, schöne Klamotten, Auslandsreisen, Nachtleben, Alltagsluxus. Selbstverständlich kann man das alles hier bekommen. Die ganze Innenstadt ist voll von westlichen Modeketten: Benetton, Zara, Mango, Accessorize, alle haben mindestens eine Filiale in Baku Downtown.

Ölfeld vor den Toren von Baku

Die Preise in den Läden der Innenstadt sind etwa so hoch wie bei uns in Deutschland, ein Kilo Fleisch kostet etwas mehr als acht Euro und auch Supermärkte sind nicht wirklich billiger als bei uns. Also kaufen die meisten Menschen auf Märkten, bei fliegenden Händlern und auf dem Basar, über den ich an geeigneter Stelle noch ausführlicher schreiben muss. Dort kann man sich günstig einkleiden, bekommt für wenig Geld Obst und Gemüse und alles, was man sonst so zum Leben braucht.

Sedelek Bazar

Aber es ist ein Leben von der Hand in den Mund. Kinder groß zu ziehen, sie durch Schule und Universität zu bringen – das ist bei diesen Verhältnissen eine echte Leistung und verbunden mit einer Menge harter Arbeit und Verzicht. Dass die Menschen hier trotz aller Schwierigkeiten so unglaublich höflich, offen und gastfreundlich sind, dafür bewundere ich sie aufrichtig.

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Hinter den Fassaden – die schönsten Seiten von Baku

In Stadt on 27. Oktober 2011 at 07:41

Obwohl es in den letzten Tagen mehr geregnet hat als mir lieb sein konnte, wächst mir Baku langsam ans Herz . Ich kann mich nicht lösen von meiner Begeisterung für all die kleinen Hinterhöfe, die den Ortskundigen als Abkürzungen dienen, von den tiefen dunklen Tordurchfahrten, in denen die Obsthändler sitzen und den von frischer Wäsche beschattete Häuserschluchten, durch die die fliegenden Händler ziehen und bunte Plastikeimer zum Kauf anbieten.

Blick in einen Hinterhof

Hinter verschwiegenen Treppenhäusern, in denen die Farbe abblättert liegen eigene kleine Welten. Hier wird gelebt, gefeiert, gehandelt und gestritten. Und immer und überall hängt Wäsche zum Trocknen. Kreuz und quer werden die Leinen gespannt.  Sie laufen alle über kleine Räder, so dass man die trockene Wäsche wieder zu sich heranziehen kann um sie abzunehmen – sehr praktisch das alles. Und so pittoresk.

Innenhof mit Wäscheleinen

Während die meisten der alten Bürgerhäuser zur Straße hin eine mehr oder weniger aufgeräumte Fassade präsentieren, würden ihre Hinterhöfe jedem deutschen Bauingenieur oder Stadtplaner das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Enge der Wohnungen, in denen nicht selten ganze Großfamilien mit mehreren Generationen leben, lässt die Menschen kreativ werden. Da entstehen Balkons, die kurz darauf zu Wintergärten mutieren, die sich kurz darauf zu richtigen Zimmern mausern.

Blick hinter ein Bakuer Wohnhaus

Da man Wohnungen hierzulande eher besitzt als mietet, ist das alles kein Problem. Hausgeld wie in Deutschland gibt es nicht, jeder macht wie er denkt und kann. So entsteht ein buntes Flickwerk aus alten und neuen Gesimsen, Mauern und Stützen. Es herrscht ein Geist fröhlicher Anarchie.  Meine Gastredaktion liegt auch in so einem Hinterhof.  Während aus den Wohnungen nebenan Essensgerüche aufsteigen, wird bei uns in die Tasten gehauen. – Meistens zumindest. Einmal im Jahr aber hat der Chef Geburtstag. Dann wird vor allem getafelt und Geschichten aus der guten alten Zeit machen die Runde.

Aus Alt mach Neu – der Preis des Baubooms

In Bauindustrie, Stadt on 24. Oktober 2011 at 11:59

Heydar Aliyev, der Vater des amtierenden aserbaidschanischen Präsidenten in BronzeHinter dem großen Denkmal für den „nationalen Führer“ Aserbaidschans, Heydar Aliyev, liegt eine der größeren Baustellen Bakus. Genau genommen ist es noch keine Baustelle, denn gebaut wird dort noch nicht. Es existieren eigentlich nur zwei riesige Gruben.

Die traurigen Reste des jüdischen Viertels

An ihrer Stelle stand einmal das jüdische Viertel. Die Häuser müssen irgendwann im 18. bis 19. Jahrhundert gebaut worden sein.  Damals erlebte Baku seinen ersten Ölboom. Juden aus Südrussland und der Ukraine, Georgier und Armenier, Russen, Deutsche aus dem Baltikum und Schweden suchten hier ihr Glück. Die Brüder Nobel machten mit Öl aus Baku ihre ersten Millionen . Die Neureichen bauten jenseits der Stadtmauern eine ganz neue Stadt im europäischen Stil, mit prachtvollen Fassaden und breiten Boulevards.  Baku galt bald als schönste und weltoffendste Stadt des Südkaukasus.

Blick in einen Hinterhof in Baku

Seit etwa zwanzig Jahren erlebt Aserbaidschan seinen zweiten Ölboom und wieder wird gebaut wie verrückt. Der neuen Vorliebe für glänzende Fassaden aus Glas und Stahl, für moderne Appartements mit allem Komfort und 2,60m Deckenhöhe, für zweitstellige Geschosszahlen und spiegelglatte Marmorfußböden müssen die alten Häuser und ihre Bewohner weichen. Dass es ausgerechnet das jüdische Viertel erwischt hat, ist Zufall und hat wahrscheinlich mit seiner Lage zu tun. Eingerissenes Haus

Auf die Idee, die Altbauten zu sanieren scheint niemand gekommen zu sein. Mit neuen  Wohnungen lässt sich zudem mehr Geld verdienen. Und so verschwindet ein ganzes Viertel mit seiner großbürgerlichen Vergangenheit, seinen verwinkelten Treppenaufgängen und Hinterhöfen.

Flügeltür in Abrisshaus

In wenigen Monaten wird nichts mehr übrig sein. Dabei gibt es hier wahre Schätze zu entdecken. Zum Beispiel einen Ofen, wie ich ihn immer haben wollte: Er wird in eine Wand eingebaut und von einem Zimmer befeuert, heizt aber mehrere Räume.

Blick in eine Abrisswohnung

Oder das Luxuskabinett einer unbekannten Familie, die sich reichlich mit Stuck und bunten Farben ausstattete – wie dieser Luxus die Sowjetzeit überlebt hat, fragt man sich und es blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie gnadenlos das alte Geld dem neuen weichen muss.

Luxuskabinett im Abriss

In einigen der Abrisshäuser leben noch immer Menschen. Viele wehren sich entschieden gegen Enteignung und Rausschmiss.  Doch wenn Gerichte in ihrem Sinne urteilen, wird dies von anderen Behörden und Baufirmen einfach ignoriert.  Die Kompensationen, die ihnen angeboten werden, reichen nicht, um eine gleichwertige Wohnung zu bekommen, schon gar nicht im Stadtzentrum. Wer die Entschädigungen nicht annimmt, verliert sein Eigentum trotzdem. Alle Häuser, die bereits geräumt wurden, hat man unbewohnbar gemacht: Türen raus, Fenster raus, Dach runter, Decken durchgebrochen. Bei der Entschlossenheit der örtlichen Behörden kann man wohl davon ausgehen, dass hier bis zum Eurovision Songcontest mindestens mal Baugruben zu sehen sein werden, wenn nicht schon die ersten Fundamente stehen.

Holzbalkons - typisch für Baku

Ähnliche Bausünden wurden natürlich auch in Westeuropa begangen. Man gehe nur einmal durch das Stadtzentrum von Köln oder Kassel. Dort wurde nach dem Krieg auch lieber Tabula rasa gemacht als das, was noch stand wieder herzustellen, oder zumindest die Fassaden zu retten. Schade nur, dass die gleichen Fehler wieder und wieder geschehen müssen.  Ich bin mir sicher, dass viele Aserbaidschaner in zehn oder zwanzig Jahren dem alten Baku hinterhertrauern werden.

Konsequenter Fleischgenuss

In Essen on 22. Oktober 2011 at 17:02

Eine Kollegin von mir wohnt weiter draußen am Stadtrand von Baku. Das neue und reiche Baku ist hier noch inicht wirklich angekommen. Hier stehen noch Feigenbäume am Straßenrand, in den offenen Markthallen wird mit allem gehandelt, was man für das tägliche Leben braucht und nach Feierabend herrscht hier noch hektische Betriebsamkeit. In einem Geschäft sah ich im Vorüberfahren Karpfen in einem Bassin ihre letzten Runden drehen – alles frisch, alles gut.

Es war schon dunkel, als wir neben dem Wohnhaus besagter Kollegin ausstiegen. Wir gingen noch in ein Geschäft, um etwas Mehl und Eier zu besorgen und beim Verlassen sah ich, dass man der Ecke ein Kalb angebunden hatte. „Was macht die Kuh hier?“, fragte ich. „Ach, die zerschneiden sie morgen“, meinte meine Kollegin. Und richtig, am nächsten Morgen, nachdem ich kleine Pfannkuchen mit Sahne und Marmelade gefrühstückt hatte, war von dem armen Tier nicht mehr viel übrig.

Was der Schlachter übrig ließ

Ähnliche Stilleben kann man an vielen Orten der Stadt bewundern.   Angeblich sind diese Straßenschlachtereien nicht immer legal und auch nicht sehr hygienisch. Immerhin wird das Tier auf der Straße getötet und zerlegt. Und während das Blut in den Rinnstein fließt, wird das Fleisch am selben Ort  zum Verkauf aufgehängt und ausgestellt. Abends würde ich das auch nicht mehr kaufen wollen. Der allgegenwärtige Wind trägt in Baku ja immer so einiges mit sich, das an frischem Rindfleisch bestimmt hervorragend klebt.

Wenn man Berichten der Zeitung „Zerkalo“ glauben soll, ist Fleisch aus der Kühltheke aber auch nicht viel besser, denn es kommt immer wieder zu Stromausfällen in Baku – Adieu du schnöde Kühlkette.  Die Zeitung schreibt, im vergangenen Jahr seien mehr als 800 kg verdorbenes Rind- und Lammfleisch und mehr als 1.000 kg Geflügel von den Behörden aus dem Verkehr gezogen worden. Das Blatt plädiert dafür,die illegalen Schlachtereien abzuschaffen. Ich aber fände das fast schade. Denn wo bekommt der urbane Mensch heute noch vor Augen geführt, dass wer Fleisch essen will, auch töten muss?

Hinterhältige Fahrstühle und andere Schönheiten

In Allgemein on 22. Oktober 2011 at 04:37

Blick auf den NachbarblockIch wohne zur Untermiete bei einem jungen Aserbaidschaner. Wir teilen uns eine riesige Wohnung. Sie liegt im 9. Stock eines heruntergewirtschafteten Gebäudes aus der Sowjetzeit.  Eine Eingangstür gibt es nicht oder hat es nie gegeben, die Stufen zum Eingang waren einmal mit bunten Platten belegt, heute sind sie heruntergetreten, zerbrochen und der Staub  sammelt sich in ihren Rissen.

Gebaut wurde der Block wahrscheinlich in den 70er Jahren für treue Parteikader. Unsere Wohnung hat etwas mehr als hundert Quadratmeter und besteht vor allem aus einem riesigen Wohnzimmer. Dazu gibt es zwei Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein winziges Bad, eine Toilette, einen Flur, der vor allem als Schuhgarage dient. Das wars.

Unser Leuchter im Wohnzimmer von unten fotografiertIhrem Zustand nach zu urteilen, stehen in der Wohnung noch immer die Möbel, die die ersten Bewohner mitgebracht haben. Der Geschmack ist landestypisch: Nippes und Kristallleuchter – ohne geht hier gar nichts. Allerdings sind die guten  Stücke mittlerweile ziemlich herunter, in der Küche gibt es kaum eine Schranktür, die noch schließt, die aufwendig arrangierten Gardinen hängen durch und es gibt keinen einzigen Leuchter, der noch alle Birnen in der Fassung hätte.

Wie praktisch alle Wohnungen in Baku hat auch unsere eine Art kleinen Wintergarten, den hier alle als Balkon bezeichnen. Wir nutzen ihn als Rumpelkammer und Wäscheboden, im Sommer ist es aber vielleicht ganz angenehm, dort zu sitzen.

Über den Aufzug muss ich noch ein paar Worte verlieren – ein hinterhältiges Biest.  Wenn man einsteigt und seine Etage anwählt, fällt die Tür sofort zu und ab geht die Post. Für nicht- Initiierte kann das lebensgefährlich sein, ich war es zumindest aus Deutschland gewohnt, dass ein Fahrstuhl immer ein bisschen wartet, bis sich die Türen schließen. Deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, schon beim Einsteigen den Etagenknopf zu drücken, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Ungeduld aber ist keine Tugend. Einmal hätte ich meinen Mitbewohner fast im Flur stehen lassen, weil ich schon ins Erdgeschoss wollte, als er erst mit einem Bein im Lift stand.Wer siebten Stock wohnt, muss die Treppe nehmen.

Trotz allem ist der Fahrstuhl zu uns noch verhältnismäßig nett. Denn wir haben wenigstens einen Knopf für unsere Etage. Was diejenigen machen, die nicht so intensiv vom Glück geküsst sind? Ich weiß es nicht.

Hallo Welt!

In Allgemein on 19. Oktober 2011 at 18:47

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