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Hinterhältige Fahrstühle und andere Schönheiten

In Allgemein on 22. Oktober 2011 at 04:37

Blick auf den NachbarblockIch wohne zur Untermiete bei einem jungen Aserbaidschaner. Wir teilen uns eine riesige Wohnung. Sie liegt im 9. Stock eines heruntergewirtschafteten Gebäudes aus der Sowjetzeit.  Eine Eingangstür gibt es nicht oder hat es nie gegeben, die Stufen zum Eingang waren einmal mit bunten Platten belegt, heute sind sie heruntergetreten, zerbrochen und der Staub  sammelt sich in ihren Rissen.

Gebaut wurde der Block wahrscheinlich in den 70er Jahren für treue Parteikader. Unsere Wohnung hat etwas mehr als hundert Quadratmeter und besteht vor allem aus einem riesigen Wohnzimmer. Dazu gibt es zwei Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein winziges Bad, eine Toilette, einen Flur, der vor allem als Schuhgarage dient. Das wars.

Unser Leuchter im Wohnzimmer von unten fotografiertIhrem Zustand nach zu urteilen, stehen in der Wohnung noch immer die Möbel, die die ersten Bewohner mitgebracht haben. Der Geschmack ist landestypisch: Nippes und Kristallleuchter – ohne geht hier gar nichts. Allerdings sind die guten  Stücke mittlerweile ziemlich herunter, in der Küche gibt es kaum eine Schranktür, die noch schließt, die aufwendig arrangierten Gardinen hängen durch und es gibt keinen einzigen Leuchter, der noch alle Birnen in der Fassung hätte.

Wie praktisch alle Wohnungen in Baku hat auch unsere eine Art kleinen Wintergarten, den hier alle als Balkon bezeichnen. Wir nutzen ihn als Rumpelkammer und Wäscheboden, im Sommer ist es aber vielleicht ganz angenehm, dort zu sitzen.

Über den Aufzug muss ich noch ein paar Worte verlieren – ein hinterhältiges Biest.  Wenn man einsteigt und seine Etage anwählt, fällt die Tür sofort zu und ab geht die Post. Für nicht- Initiierte kann das lebensgefährlich sein, ich war es zumindest aus Deutschland gewohnt, dass ein Fahrstuhl immer ein bisschen wartet, bis sich die Türen schließen. Deshalb habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, schon beim Einsteigen den Etagenknopf zu drücken, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Ungeduld aber ist keine Tugend. Einmal hätte ich meinen Mitbewohner fast im Flur stehen lassen, weil ich schon ins Erdgeschoss wollte, als er erst mit einem Bein im Lift stand.Wer siebten Stock wohnt, muss die Treppe nehmen.

Trotz allem ist der Fahrstuhl zu uns noch verhältnismäßig nett. Denn wir haben wenigstens einen Knopf für unsere Etage. Was diejenigen machen, die nicht so intensiv vom Glück geküsst sind? Ich weiß es nicht.

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