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Aus Alt mach Neu – der Preis des Baubooms

In Bauindustrie, Stadt on 24. Oktober 2011 at 11:59

Heydar Aliyev, der Vater des amtierenden aserbaidschanischen Präsidenten in BronzeHinter dem großen Denkmal für den „nationalen Führer“ Aserbaidschans, Heydar Aliyev, liegt eine der größeren Baustellen Bakus. Genau genommen ist es noch keine Baustelle, denn gebaut wird dort noch nicht. Es existieren eigentlich nur zwei riesige Gruben.

Die traurigen Reste des jüdischen Viertels

An ihrer Stelle stand einmal das jüdische Viertel. Die Häuser müssen irgendwann im 18. bis 19. Jahrhundert gebaut worden sein.  Damals erlebte Baku seinen ersten Ölboom. Juden aus Südrussland und der Ukraine, Georgier und Armenier, Russen, Deutsche aus dem Baltikum und Schweden suchten hier ihr Glück. Die Brüder Nobel machten mit Öl aus Baku ihre ersten Millionen . Die Neureichen bauten jenseits der Stadtmauern eine ganz neue Stadt im europäischen Stil, mit prachtvollen Fassaden und breiten Boulevards.  Baku galt bald als schönste und weltoffendste Stadt des Südkaukasus.

Blick in einen Hinterhof in Baku

Seit etwa zwanzig Jahren erlebt Aserbaidschan seinen zweiten Ölboom und wieder wird gebaut wie verrückt. Der neuen Vorliebe für glänzende Fassaden aus Glas und Stahl, für moderne Appartements mit allem Komfort und 2,60m Deckenhöhe, für zweitstellige Geschosszahlen und spiegelglatte Marmorfußböden müssen die alten Häuser und ihre Bewohner weichen. Dass es ausgerechnet das jüdische Viertel erwischt hat, ist Zufall und hat wahrscheinlich mit seiner Lage zu tun. Eingerissenes Haus

Auf die Idee, die Altbauten zu sanieren scheint niemand gekommen zu sein. Mit neuen  Wohnungen lässt sich zudem mehr Geld verdienen. Und so verschwindet ein ganzes Viertel mit seiner großbürgerlichen Vergangenheit, seinen verwinkelten Treppenaufgängen und Hinterhöfen.

Flügeltür in Abrisshaus

In wenigen Monaten wird nichts mehr übrig sein. Dabei gibt es hier wahre Schätze zu entdecken. Zum Beispiel einen Ofen, wie ich ihn immer haben wollte: Er wird in eine Wand eingebaut und von einem Zimmer befeuert, heizt aber mehrere Räume.

Blick in eine Abrisswohnung

Oder das Luxuskabinett einer unbekannten Familie, die sich reichlich mit Stuck und bunten Farben ausstattete – wie dieser Luxus die Sowjetzeit überlebt hat, fragt man sich und es blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie gnadenlos das alte Geld dem neuen weichen muss.

Luxuskabinett im Abriss

In einigen der Abrisshäuser leben noch immer Menschen. Viele wehren sich entschieden gegen Enteignung und Rausschmiss.  Doch wenn Gerichte in ihrem Sinne urteilen, wird dies von anderen Behörden und Baufirmen einfach ignoriert.  Die Kompensationen, die ihnen angeboten werden, reichen nicht, um eine gleichwertige Wohnung zu bekommen, schon gar nicht im Stadtzentrum. Wer die Entschädigungen nicht annimmt, verliert sein Eigentum trotzdem. Alle Häuser, die bereits geräumt wurden, hat man unbewohnbar gemacht: Türen raus, Fenster raus, Dach runter, Decken durchgebrochen. Bei der Entschlossenheit der örtlichen Behörden kann man wohl davon ausgehen, dass hier bis zum Eurovision Songcontest mindestens mal Baugruben zu sehen sein werden, wenn nicht schon die ersten Fundamente stehen.

Holzbalkons - typisch für Baku

Ähnliche Bausünden wurden natürlich auch in Westeuropa begangen. Man gehe nur einmal durch das Stadtzentrum von Köln oder Kassel. Dort wurde nach dem Krieg auch lieber Tabula rasa gemacht als das, was noch stand wieder herzustellen, oder zumindest die Fassaden zu retten. Schade nur, dass die gleichen Fehler wieder und wieder geschehen müssen.  Ich bin mir sicher, dass viele Aserbaidschaner in zehn oder zwanzig Jahren dem alten Baku hinterhertrauern werden.

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