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Aserbaidschanisches Spiel

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 25. November 2011 at 12:51

Es gibt Menschen, die bezeichnen das Leben als Spiel und den Mensch als homo ludens.

Und Du willst in diesem Spiel vorankommen? Hast Du einen reichen Vater? Hat Deine Mutter vielleicht einen Onkel im Innenministerium? Gehört Deinem Cousin dritten Grades vielleicht eine Fabrik? Kurz, hat in Deiner Familie irgendjemand irgendwo irgendetwas zu sagen? Fein! Dann gehe bitte sofort auf die Parkstraße und in die Schlossallee und baue Hotels. Geld brauchst Du keines. Gehören müssen Dir die Straßen auch nicht. Du hältst ein Papier hoch auf dem steht, dass Du das darfst. Und dann lässt Du Deinen Onkel oder Deine Tante oder Deinen Cousin  oder gleich die ganze Brut dort immer umsonst drüberlaufen und das ist der Preis, den du zahlst.

Ansonsten bist Du damit beschäftigt, direkt über Los zu gehen und 4.000 einzuziehen. Wenn Du eine Ereigniskarte ziehst, dann ist es die „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“– Karte. Die darfst Du übrigens auf der Hand behalten.  Das Leben ist ein großer Gutschein und Du füllst ihn aus.

Blick in ein Wohnhaus mit Durchgang zum Hof

Bleibt nur zu hoffen, dass Du nicht zu denen gehörst, die in der Schlossallee wohnen. Denn dann wird dir eines Tages jemand Dein Haus über dem Kopf abreißen. Du willst Dich wehren? Du ziehst eine Ereigniskarte: „Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie nicht über Los, Ziehen Sie keine 4.000 ein.“  Du sitzt. Weil Du dich gegen die Polizei gewehrt hast. Wegen Hooliganismus, wegen Drogenhandels. Du willst das vermeiden, vielleicht weil Du Familie hast? Dein Gegenspieler bietet Dir einen lukrativen Deal an:  Du verkaufst Deine Wohnung an seinen Fahrer, der Fahrer zahlt weit unter Marktpreisen und ist ganz aus Stroh. Mit dem Geld ziehst Du in die Badstraße und musst nun in jeder Runde einen Haufen Geld zahlen um zur Arbeit zu kommen, denn dummerweise bist Du Schalterbeamte am Hauptbahnhof.

Blick in Hauseingang mit Beleuchtung

Oder Dein Gegenspieler bietet Dir eine Wohnung an. Die Wohnung hat der Cousin Deines Gegenspielers gebaut, der muss ja auch von etwas leben. Leider hat der Cousin vergessen, sich für das Gebäude eine technische Zulassung zu besorgen. Jetzt weißt Du also nicht, ob Dein neues Zuhause beim nächsten Erdbeben auch gleich Dein Grab wird. Außerdem existiert ein nicht zugelassenes Gebäude juristisch gesehen gar nicht – Du bekommst also auch keinen Nachweis, dass Deine neue Wohnung Dir tatsächlich gehört.

Im Novemer

Du hast verloren, wenn Dir nichts mehr gehört.

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Die große Enttäuschung

In Allgemein on 20. November 2011 at 17:32

„Schreiben Sie das, schreiben Sie es!“

Mein Gemüsehändler hat herausbekommen, dass ich Journalistin und aus Deutschland bin. Sofort beginnt er, auf mich einzureden. „Wie gefällt Ihnen Aserbaidschan?“. Ich gebe die höfliche Antwort, die überall geht: „Gut gefällt es mir, die Menschen sind so offen und gastfreundlich. Und Baku ist eine schöne Stadt.“

Doch meinem Gemüsehändler geht es nicht um Smalltalk. Er unterbricht mich: „Und wie gefällt Ihnen unsere Politik? “ Ich schweige. „Gefallen ihnen etwa unsere Renten? Gefallen Ihnen unsere Gehälter? Wie finden Sie unsere Regierung, gefällt die ihnen?“

Was soll ich sagen? „Nein, das gefällt mir alles nicht.“

„Schreiben Sie darüber“, sagt mein Gemüsehändler. „Es gibt hier viele, die sich nicht trauen, darüber zu schreiben. Aber Sie können das.  Sie brauchen keine Angst zu haben. Sagen Sie denen in Deutschland, wie schwer hier das Leben ist. Waren Sie schon einmal in einer der Regionen? Da ist es noch schlimmer, da gibt es kein Gas, keinen Strom. Im Winter liegt der Schnee bis zu den Knien. “

Der Gemüsehändler lässt sich sogar fotografieren. Ich werde ihn hier aber nicht abbilden.  Stattdessen gibt es ein Bild meiner Lieblingsstraßenlaterne.

LaternenbaumVielleicht ist das übertrieben vorsichtig, vielleicht muss man die Menschen aber auch manchmal vor sich selbst schützen.

In fast jedem Gespräch, das ich hier führe, sei es mit Rentnern oder mit Händlern, mit Bekannten oder Fremden, mit Kollegen oder Zufallsbekanntschaften, überall schlägt die Unzufriedenheit durch.  Was die Menschen am meisten ärgert, ist die Rechtlosigkeit: Menschen werden aus ihren Wohnungen geworfen, obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gibt und der Staat macht mit den Verbrechern gemeinsame Sache.  Wer aufmuckt, der muss nicht nur um seine eigene Existenz fürchten: Plötzlich verlieren Ehepartner ihre Arbeit, droht den Kindern eine Haftstrafe, fliegt die Nichte von der Uni. So einfach ist das.

Das Gefühl, vom Staat, von denen da oben alleine gelassen zu werden, schlägt einem überall entgegen. Es ist eine große Enttäuschung. Dabei könnte es doch alles so einfach sein: Mit dem Geld aus dem Verkauf von Öl und Gas ließe sich dieses Land aufbauen: Baku könnte in altem und neuem Glanz erstrahlen, die Regionen könnten entwickelt werden, Tourismus könnte entstehen, eine Erdöl verarbeitende Industrie… Aber dafür müsste man das Geld verteilen und investieren. Und nicht auf Schweizer Konten schaffen.

Heuern und Feuern – oder die andere Seite der Gastfreundschaft

In Allgemein on 19. November 2011 at 10:54

Leider habe ich für diesen Artikel keine Fotos. Aber die Geschichte, die mir gestern passiert ist, braucht auch kein Bild.

Ich bin mit einem Freund in einer Universität unterwegs. Wir wollen einen Professor treffen, ihn fotografieren und dann möglichst schnell wieder weg. Einen Termin habe ich klargemacht. Am Eingang müssen wir an den Wachmännern vorbei. Sie sitzen in ihrem kleinen Kabuff und lassen sich von jedem Studenten den Ausweis zeigen. Wir fallen natürlich sofort auf. Also gehe ich zum Angriff über und sage mein Sprüchlein auf: Wir sind Journalistin und Fotograf, wir wollen diesen Prof fotografieren, wir haben einen Termin. Der Oberwachmann ist skeptisch und beschließt, zur Sicherheit mal seinen Boss zu fragen.

Er führt uns über das Unigelände, von allen Seiten werden wir angestarrt, wir sehen definitiv nicht aus wie die örtliche Jugend und dann haben wir auch noch ein Stativ dabei…Vor dem Büro des Bosses vom Oberwachmann ist ein kleiner Tresen. Dahinter sitzen weitere Wachmänner. Sie reden auf aserbaidschanisch, was ich nicht verstehe. Und sie lachen. Wahrscheinlich über uns. Man merkt es einfach, wenn man zum Gesprächsgegenstand wird – auch wenn man an dem Gespräch nicht teilnimmt.

Wir werden ins Büro des Oberbosses gebeten. Ich sage das Sprüchlein auf. Der Boss telefoniert, ist dann einverstanden, wir verlassen das Büro. Der Oberwachmann führt uns den Weg, den ich ohnehin schon kenne und erzählt: “ Der Typ da, der über euch gelacht hat, den habe ich gerade gefeuert.“

Ich brauche einen Moment um überhaupt zu verstehen, wovon die Rede ist. „Ich habe ihm gesagt: das tut man nicht. Das sind unsere Gäste, über seine Gäste lacht man nicht. Das würdest Du zu Hause auch nicht machen. Du kannst jetzt Deine Sachen packen und brauchst gar nicht mehr wieder zu kommen.“

Ich setze mein Sie-machen-einen-Scherz-Gesicht auf und sage etwas, an das ich mich nicht mehr erinnere.

„Neinein, ich habe ihn wirklich gefeuert, so ein Verhalten kann ich nicht dulden.“

„Aber deshalb muss man doch jemanden nicht gleich feuern“, versuche ich gegenzuhalten.

„Doch, so ein Verhalten, das geht einfach nicht.“

Im Gespräch stellt sich dann noch heraus, dass der junge Mann 25 Jahre alt ist. Er tut mir leid. Nichts gegen die hohen Serviceansprüche seines Vorgesetzten und ich schätze die aserbaidschanische Gastfreundschaft ja wirklich sehr, aber hätte eine Verwarnung nicht gereicht?

Es ist ja früher nicht alles schlecht gewesen…

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 8. November 2011 at 09:19

Sowjetische Nachbarschaft

Dieses Foto wollte ich schon seit Ewigkeiten machen. Der kleine – mittlerweile stillgelegte – Springbrunnnen steht in einem Innenhof aus sowjetischer Zeit. Von vier Seiten wird er eingefasst von 5-geschossigen Appartementblocks aus der Zeit der Sowjets.  Und was assoziiere ich mit dieser Zeit? Graue Fassaden, freudlose Gesichter, lange Schlangen vor den Geschäften und vor allem Angst vor Geheimdiensten, politischen Zeloten und Spitzeln. Und dann das: Da hat doch tatsächlich ein Architekt eine Art sozialen Treffpunkt geschaffen, ein Stück Nachbarschaft. Auf Kindergröße, in Kinderfarben.

Es war einmal ein Treffpunkt

Ich will hier ja nichts beschönigen, aber vielleicht war wirklich damals nicht alles schlecht? Mein Viertel war definitiv einmal für die etwas gleicheren des Apparates gedacht – und die konnten immerhin auf Springbrunnen setzen. Weiter draußen, da wo die wirklich arbeitende Bevölkerung lebt, ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Was sollen auch Menschen mit einem Springbrunnen, die morgens in Herrgottsfrühe das Haus verlassen, Abends spät zurückkommen und es dann höchstens noch bis zum Fernseher schaffen? Springbrunnen für die einen – nackte Wohnblöcke für die anderen? Die Geschichte wiederholt sich.

Schnee in Baku

In Allgemein on 7. November 2011 at 20:06

Es schneit in Baku. Ich habe beschlossen, keinen Fuß vor die Tür zu setzen und bin diesem Vorsatz bislang auch gefolgt. Mein Mitbewohner genauso wie alle Kollegen und Freunde, die ich heute gesprochen habe, sind völlig aus dem Häuschen. So etwas haben sie noch nie gesehen: Dass es Anfang November in Baku schneit. Damit man mir also glaubt, hier ein Beweisfoto, aus dem Fenster geschossen:

Es hat geschneit - Anfang November

Jetzt lohnt sich wenigstens der improvisierte Kühlschrank der Nachbarn.

Außenkühlschrank

Qurban Bayrami- Das Opferfest

In Essen, Gesellschaft, Religion, Stadt on 7. November 2011 at 09:46

In diesem Post werden Schafe geopfert. Dafür wird ihnen die Gurgel durchgeschnitten. Zartbesaitete Leser seien hiermit gewarnt.

Koran, 37. Sure:

102. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): «O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, daß ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?» Er antwortete: «O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Allah will, standhaft finden.»

103. Als sie sich  beide ( Gott)  ergeben hatten und er  ihn mit der  Stirn gegen den Boden hingelegt hatte,

104. Da riefen Wir ihm zu: «O Abraham,

105. Erfüllt hast du bereits das Traumgesicht.» Also lohnen Wir denen, die Gutes tun.

106. Das war in der Tat eine offenbare Prüfung.

107. Und Wir lösten ihn aus durch ein großes Opfer.

108. Und Wir bewahrten seinen Namen unter den künftigen Geschlechtern.

109.  Friede  sei auf  Abraham!

Qurban Bayrami nennt man das Opferfest hierzulande, es ist neben dem Ende des Ramadans das höchste religiöse Fest im Islam.

Der Tag begann mit Regen und jetzt, am nächsten Morgen ist der Regen ohne Unterbrechung in Schnee übergegangen. Am Eingang der Moschee begrüßte uns der Sheikh. Ein Mann um die 50 mit einem freundlichen Gesicht, kurzem Bart und einem langen braunen Umhang über dem weißen Hemd. Zum Gebet kamen vielleicht 50 Männer, die Frauen beteten in einem seperaten Raum. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass sich jemand bei mir dafür bedankt hat, dass ich mit bedecktem Haupt sein Gotteshaus betreten habe.

Feiertagsgebet zum Opferfest in der Altstadt von Baku

Für die Schülerinnen der Frauen-Medresse bedeutet das Opferfest auch das Ende ihres Schuljahres.  An der Koranschule lernen sie zunächst Arabisch lesen und aussprechen, dann folgen Farsi und Englisch. Frauen aller Altersklassen versammelten sich in einem kleinen fensterlosen Raum. Der Boden war mit Teppichen bedeckt, die Schülerinnen knieten auf dem Boden und die Lehrerin sprach meinetwegen auf Russisch. Sie erzählte vom Opferfest, vom Glauben Abrahams, der seinen Gott so sehr liebte, dass er bereit war, ihm seinen Sohn zu opfern, von der Güte Gottes, der Abrahams Glauben erkannte und ihm anstelle des Sohnes ein Schaf zu opfern gab, das Abraham in seinem Namen schlachten sollte. „Selbst für das Schaf“, schloss die Lehrerin, „ist es die größte Ehre, als Opfertier an Qurban Bayrami zu sterben.“

Eingang zur Frauen-Koranschule

Wer es sich leisten kann, der lässt zum Opferfest ein Schaf schlachten oder schlachtet selbst. Eine Hälfte des Fleisches ist für den Opfernden, die andere wird in sieben Teile geteilt und unter Verwandten, Freunden und vor allem den Bedürftigen verteilt. Eine riesige Menge Plastiktüten wurden plötzlich in die Medresse hereingereicht und verteilt, auch ich bekam einen jener geheimnisvollen schwarzen Säcke überreicht, darin, das sah man schon beim ersten Blick , ein siebentel von einem halben Schaf. Abzulehmen war keine Option, mit etwas Verhandlungsgeschick konnte ich eine weitere Tüte von mir abwenden.

Insgesamt hat die Verwaltung in Baku sieben offizielle Schlachtplätze eingerichtet. Dort sind die Fleischpreise kontrolliert und das Schlachten geschieht unter der Aufsicht von Veterinären und Gesundheitsbehörden. Aber das subventionierte Fleisch dort reicht nicht. Auf einem Grünstreifen an einer großen Straße im Nordosten von Baku wurde schwarz geschlachtet. An der Zufahrt stand ein Polizeiauto, vor unangemeldeten Kontrollen brauchte sich also keiner zu fürchten. Der Regen hatte aus dem Untergrund mittlerweile Schlamm gemacht, an den Bäumen hingen tote Schafe, denen das Fell abgezogen wurde, überall waren Lachen frischen Blutes, der Boden war so nass, dass es nicht versickerte.

Opfertier unmittelbar vor der Schlachtung

Nebenan war ein kleines Areal abgezäunt, in dem eine sich ständig verkleinernde Herde an etwas feuchtem Heu kaute. Immer wieder wurde ein Schaf mehr oder weniger sanft herausgezogen. Nur einmal sah ich, dass die Opfernden noch einmal einige Suren aus dem Koran lasen, dann band der Schlachter dem Tier die Beine zusammen, wetzte sein Messer und schnitt dem Tier die Kehle auf. das Schaf zuckte, durch die aufgeschnittene Luftröhre versuchte es zu atmen, es bäumte sich gegen die Fesseln an seinen Füßen auf, der Kampf dauerte höchstens vier Minuten. Dann trennte der Schlachter den Kopf vom Rumpf, schnitt die Füße ab und hängte das Tier auf.

Den Schafen wird die Gurgel durchgeschnitten

Islamische Reinheitsgebote schreiben vor, dass Tiere beim Schlachten völlig ausbluten müssen. Das Schächten ist keine schöne Art zu töten. Aber schön ist es nie.  Viele Muslime hier wissen, dass man im Westen mit Befremden auf diesen Brauch schaut. „Wir machen das ein einziges Mal im Jahr, ein einziges Mal opfern wir nur in Gottes Namen“, erklärte mein Kollege. „Wie viele Tiere werden täglich in den Schlachthäusern dieser Welt getötet und keiner sieht es?“

Das Schächten ist keine schöne Art zu töten

An einem der Bäume trafen wir Samir. Mit einem Messer trennte er Bindegewebe, Fett und Fell von einem Schaf. 10 bis 15 Manat pro Schlachtung bekam er, 15 Tiere hatte er an diesem Tag schon „geschnitten“ wie man hier sagt – kein schlechter Verdienst für einen jungen Mann.

Die Herde verkleinert sich ständig

Der Regen hatte auf den Straßen wahre Seen hinterlassen, Es war, als wolle der Himmel das Blut der Opfertiere so schnell wie möglich aus den Straßen waschen. Für die streunenden Katzen muss dieser Tag ein Festmahl sein.  Ich packte zu Hause meine Fleischtüte aus – darin waren außerdem noch Reis, Tee und Zucker. Zum Abendessen gab es Pilav mit Lamm.

Geschenke zu Qurban Bayrami

Der Bazar

In Essen, Stadt on 1. November 2011 at 18:38

junger Igel, angeboten auf einem Bazar in Baku

Auf Bakus Märkten wird alles verkauft. In einer kleinen Pappschachtel entdeckte ich zwei kleine stachelige Kugeln. Der Lärm um sie herum, das Gefeilsche um Wellensittiche, Kaninchen und Hühner schien sie nicht zu erreichen. Sie hatten sich so tief es nur irgend ging in die Sägespäne gegraben und versuchten, zu schlafen. Igel sind nachtaktiv und halten Winterschlaf. Das schien dem Verkäufer, einem jungen Mann von vielleicht 25 Jahren nicht geläufig zu sein. Wie alt so ein Tier in der Gefangenschaft wird, wusste er auch nicht. Alles was wie ein süßes Haustier aussieht, findet hier seine Abnehmer.

Händler auf einem Markt in Baku

Um einen Käfig mit zwei auffälig schwarzweißen Hähnen stand ein ganzer Pulk Männer und fachsimpelte. Offensichtlich waren diese beiden keine Kanditaten für den Suppentopf, sondern der ganze Stolz ihres Züchters. Höflich machte man unseren Fotoapparaten Platz.

Prachthähne

Wenn man einen Bazar betritt, irrt man sich leicht in seiner Größe. Von außen sieht es aus wie ein Eingang zu einem einfachen Hof, dahinter aber entfaltet sich oft ein Gewirr von Hallen und Gassen und Hinterhöfen, in dem man sich leicht verlaufen kann. Und hinter jeder Biegung gibt es neue Köstlichkeiten: Flaschenkürbisse, Mandarinen, eingelegtes Gemüse, Fleisch, Fisch, Käse, Gewürze – aber auch Anglerbedarf, Schrauben und gebrauchte Bügeleisen.

Blick über den Obst- und Gemüseteil des Bazars

Und alles wird von freundlichen und gleichzeitig sehr geschäftstüchtigen Verkäufern angeboten. „Möchtest Du Himbeeren, probier sie, sie sind lecker“, ruft es von der einen Seite. „Mandarinen, süß und köstlich“, lockt es von der anderen. Widerstand ist zwecklos.

Auf dem Bazar in Baku

Besonders angetan haben es mir natürlich die lokalen Produkte – und da besonders der Schafskäse. Es gibt ihn in unzähligen Varianten. Trocken, stark und bröselig wird er, wenn er eingenäht in Schafshäute reift. Die prall gefüllten Häute liegen in großen Stapeln in der Markthalle, die Verkäufer lassen ihre Kunden gerne probieren. Dann gibt es eine Variante, die dem griechischen Schafskäse ähnelt, sie reift in Salzlake und lässt sich in dicke Scheiben schneiden. Je nach Geschmack gibt es eine salzigere und eine milde Variante. Und dann gibt es noch einen Schafskäse, den man wohl am ehesten mit einer frischen Büffelmozzarella vergleichen kann: sehr cremig, sehr mild mit ordentlich Fett.

Käse reift in Schafshäuten

Den Käse isst man hier unter anderem mit Lavash – das ist ein sehr sehr dünnes Fladenbrot. Dazu gibt es eingesalzenes Gemüse, frisches Gemüse, Wurst oder anderes Fleisch. – lecker!

Käse reift hier in der Schafshaut

Statt in Supermärkte gehen die meisten Menschen hier auf Basare wie diesen. Die Preise sind niedriger, die Auswahl ist riesig und die Qualität ist – soweit ich das beurteilen kann, gut. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Orte nicht auch dem Bakuer Modernisierungswahnsinn zum Opfer fallen. Es wäre nicht nur ein kultureller, sondern auch ein ästhetischer Verlust.

Köstlichkeiten auf dem Bazar in Baku