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Die große Enttäuschung

In Allgemein on 20. November 2011 at 17:32

„Schreiben Sie das, schreiben Sie es!“

Mein Gemüsehändler hat herausbekommen, dass ich Journalistin und aus Deutschland bin. Sofort beginnt er, auf mich einzureden. „Wie gefällt Ihnen Aserbaidschan?“. Ich gebe die höfliche Antwort, die überall geht: „Gut gefällt es mir, die Menschen sind so offen und gastfreundlich. Und Baku ist eine schöne Stadt.“

Doch meinem Gemüsehändler geht es nicht um Smalltalk. Er unterbricht mich: „Und wie gefällt Ihnen unsere Politik? “ Ich schweige. „Gefallen ihnen etwa unsere Renten? Gefallen Ihnen unsere Gehälter? Wie finden Sie unsere Regierung, gefällt die ihnen?“

Was soll ich sagen? „Nein, das gefällt mir alles nicht.“

„Schreiben Sie darüber“, sagt mein Gemüsehändler. „Es gibt hier viele, die sich nicht trauen, darüber zu schreiben. Aber Sie können das.  Sie brauchen keine Angst zu haben. Sagen Sie denen in Deutschland, wie schwer hier das Leben ist. Waren Sie schon einmal in einer der Regionen? Da ist es noch schlimmer, da gibt es kein Gas, keinen Strom. Im Winter liegt der Schnee bis zu den Knien. “

Der Gemüsehändler lässt sich sogar fotografieren. Ich werde ihn hier aber nicht abbilden.  Stattdessen gibt es ein Bild meiner Lieblingsstraßenlaterne.

LaternenbaumVielleicht ist das übertrieben vorsichtig, vielleicht muss man die Menschen aber auch manchmal vor sich selbst schützen.

In fast jedem Gespräch, das ich hier führe, sei es mit Rentnern oder mit Händlern, mit Bekannten oder Fremden, mit Kollegen oder Zufallsbekanntschaften, überall schlägt die Unzufriedenheit durch.  Was die Menschen am meisten ärgert, ist die Rechtlosigkeit: Menschen werden aus ihren Wohnungen geworfen, obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gibt und der Staat macht mit den Verbrechern gemeinsame Sache.  Wer aufmuckt, der muss nicht nur um seine eigene Existenz fürchten: Plötzlich verlieren Ehepartner ihre Arbeit, droht den Kindern eine Haftstrafe, fliegt die Nichte von der Uni. So einfach ist das.

Das Gefühl, vom Staat, von denen da oben alleine gelassen zu werden, schlägt einem überall entgegen. Es ist eine große Enttäuschung. Dabei könnte es doch alles so einfach sein: Mit dem Geld aus dem Verkauf von Öl und Gas ließe sich dieses Land aufbauen: Baku könnte in altem und neuem Glanz erstrahlen, die Regionen könnten entwickelt werden, Tourismus könnte entstehen, eine Erdöl verarbeitende Industrie… Aber dafür müsste man das Geld verteilen und investieren. Und nicht auf Schweizer Konten schaffen.

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