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Jugendstil in Baku

In Bauindustrie, Stadt on 3. Dezember 2011 at 20:44

Eingang zur Schatzkiste

Gestern bin ich mehr oder weniger zufällig in eine Art Photo-Rausch geraten. Unterwegs in einem der Viertel, die abgerissen werden sollen, habe ich mich auf die Suche nach Jugendstil gemacht und habe mehr gefunden als ich mir ausgemalt hatte. Einfach in offene Hauseingänge gegangen, die Treppen hinauf und Fotos gemacht. Es gibt da unglaubliche Schätze zu entdecken – einfach unglaublich!

Allein so ein Geländer zu besitzen

Es scheint das Schicksal des Jugendstils zu sein, dass er erst dann gewürdigt wird, wenn es ihn nicht mehr gibt. Auch in Europa hat man nach dem Krieg den Stuck von Jugendstil-Fassaden abgeschlagen, die Decken in den Wohnungen abgehängt und zog es vor, hinter Fenstern in Standardgröße zu leben, in Wohnungen, die mit einem Schuhkarton mehr Ähnlichkeit hatten als mit einer menschlichen Behausung. Wenn man so will, ist der Jugendstil bei uns dem engstirnigen Spießertum zum Opfer gefallen. Hier in Baku fällt er dem Mangel an Bildung zum Opfer. Einer sehnsüchtigen Vorstellung vom Westen, die sich aus kitschigen Musikvideos, amerikanischen Filmen und türkischen Seifenopern speist. Und golden glitzernde Badewannen mit Glaskristallen passen einfach nicht so recht in Badezimmer, die aus einer Zeit sind, die die Wellnessoase noch nicht kannte, in der mit Öfen geheizt wurde und in der Stuckateur noch ein echter Beruf war.

Sogar die Originalfarbe ist noch da

In Deutschland weiß man die Wohnungen dieser Zeit mittlerweile zu schätzen. In Aserbaidschan scheinen die Reichen aber immer noch in einer Art Barbie-Welt zu leben. Diejenigen, die in den Jugendstil- Häusern wohnen, wissen sehr wohl, was sie an ihnen haben.

prunkvoller Jugenstileingang

Hier beispielsweise traf ich Lala, die mich auf ihr Dach einlud. Dort hat es vor einer Woche gebrannt. Die Bewohner glauben, dass es kein Zufall war, dafür habe die Feuerwehr zu lange gebraucht.

ausgebrannter Dachstuhl

Nun regnet es in die Wohnungen in der vierten Etage hinein.  – Kurze Randbemerkung: Es handelt sich hier um ein typisches Bakuer Altstadthaus: ursprünglich hatte es drei Etagen, zu Sovietzeiten wurde dann eine weitere Etage draufgesetzt. So wurde es mit fast allen Häusern gemacht. Lala sagt, ihr Haus habe eine wunderbare Atmosphäre, es sei einfach ein freundliches Gebäude. Aber nun habe das Löschwasser im ganzen Haus schwere Schäden verursacht. Es gibt hier staatliche Einrichtungen, die sich um die Instandhaltung von Wohnhhäusern kümmern, die aber tun nichts.

Zufallsfund

Lala erzählte, dass früher viele dieser Häuser innen ausgemalt waren, unter anderem habe es riesige Porträts ihrer Besitzer gegeben. Diese seien dann unter den Soviets übermalt worden. Doch nach der Unabhängigkeit seien viele dieser Bilder wieder entdeckt worden.  Und nun? Blättert die Farbe von den Wänden, werden die Gebäude so lange vernachlässigt, bis man sie abreißen muss. Es ist zum Heulen.

Eingangstür

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