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Extremisten unter sich

In Religion on 22. Juni 2012 at 16:16

An dieser Stelle wollte ich eigentlich mit den Salafisten einsteigen. Aber dann kamen die Piusbrüder mit dem hier. Menschen, die am liebsten in einem mittelalterlichen Gottestaat leben wollen, schlagen auf Menschen ein, die genau das gleiche wollen. Denn: es kann nur einen geben. Oder drei – aber solche theologischen Feinheiten verleihen der Debatte nur unnötige Tiefe.  Und davon halten die Piusbrüder nicht so schrecklich viel. Wie auch, wo doch die haarsträubendsten Metaphern so nahe liegen – die will man sich doch nicht kaputtmachen, siehe hier. Da wird Marthin Luther ganz schnell zum „Bücherverbrenner von Wittenberg“.

Manchmal frage ich mich schon, wie die Politik in diesem Land diesen Doppeldenk eigentlich hinbekommt? Die Piusbrüder sind nicht weniger demokratiefeindlich als die radikalen Salafisten. Aber sie dürfen eine Mächenschule (!) in Bonn betreiben. Die Salafisten dürfen sich bei uns nicht mal in der Fußgängerzone unmöglich machen. Nicht dass ich irgendwelche islamischen Hetzprediger toll finde, aber die sind doch ein völliges Minderheitenproblem. Wenn es tatsächlich, wie die Sicherheitsbehörden gerne behaupten, etwa 4.000 Anhänger gibt, dann sind davon noch lange nicht alle gewaltbereit.  Laut Wikipedia bekennen sich in Deutschland etwa 5% aller Menschen zum Islam. Das sind mehrere Millionen. Die allermeisten leben hier friedlich und tun keiner Menschenseele etwas.

Je mehr Aufmerksamkeit wir aber den politisch radikalen Salafisten schenken, desto wichtiger werden sie und desto weniger Ahnung haben wir vom Leben normaler Muslime in Deutschland. Wenn heute über Katholiken berichtet wird, geht es doch auch eher selten um die Exorzisten, sondern viel öfter um Priester,  die den Zölibat ablehnen und wiederverheiratete Geschiedene zum Abendmahl zulassen wollen. Und wenn über die Piusbrüder gesprochen wird, oder über Bischöfe, die alle Frauen am liebsten am Herd sähen, dann wird in der Regel  darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um Minderheitenmeinungen handelt und dass die meisten Katholiken mit der Haltung ihrer Hirten nicht sehr einverstanden sind.

Wenn es aber um Muslime geht, dann dreht sich die Debatte seit Monaten nur noch um die Salafisten, als seien die ein ernsthaftes Problem. Wenn sie gewalttätig werden, oder das planen, sind sie ein Fall für die Polizei, vielleicht auch den Verfassungsschutz.  Aber all die Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel über Demos und Koranverteilungen haben bisher nichts dazu beigetragen, diese Gruppe besser zu verstehen oder einzuordnen.  Bislang ist kein Medium seinem Aufklärungsauftrag da wirklich nachgekommen. (Vorschläge und Hinweise dazu gerne in den Kommentaren)  Gerade wenn es um das Woher und warum geht, bleiben die meisten Kollegen eine Antwort schuldig.  Aber es ist doch eine interessante Frage: Warum findet der Salafismus in Deutschland Zuspruch? Welches Bedürfnis wird da befriedigt und warum muss es dafür der radikale Islam sein? Man darf ja nicht vergessen – so ein Dasein als superfrommer Muslim ist kein Zuckerschlecken: Komische Klamotten, Bart, klarer Tagesrythmus, keine kommerzielle Musik, kein Alkohol, kein Schweinefleisch, stark eingeschränkter Kontakt zu Frauen, arabisch lernen, Hund ins Tierheim, regelmäßig spenden, sparen für die Pilgerreise – wer tut sich das freiwillig an?

Dann doch lieber Piusbruder.

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