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Der nützliche Idiot

In Allgemein on 17. Januar 2013 at 16:20

Es gibt vielleicht keinen unangenehmeren Zustand, als ein lebendes Vorbild für andere zu sein. Besonders dann, wenn  man zum Vorbild nicht taugt. Ein Beispiel dafür ist Gérard Depardieu. Er ist in seinem Heimatland ein nationales Heiligtum – ein Vorbild. Obwohl er nichts weiter ist als ein guter Schauspieler. Es ist vielleicht der Fluch des Künstlers: Wenn er gut ist, trifft er dorthin wo wir lieben – aber er liebt nicht zurück.

Jetzt also hat Gérard Depardieu vielen das Herz gebrochen. Er hat sich als Tölpel und Dummschwätzer herausgestellt – und was am schlimmsten ist – als Kleingeist. Depardieu hat sich von Putin umarmen lassen, er hat sich von ihm einen russischen Pass, ein Haus und den Posten als Regionalpolitiker schenken lassen. Er hat sich im russischen Fernsehen ein albernes besticktes Hemd übergezogen und in einem Interview Garry Kasparow geraten, beim Schachspiel zu bleiben, denn von Politik verstehe er nichts. Er hat sich, um es kurz zu machen, selbst vor einen Karren gespannt.
Angefangen hat es angeblich mit der Reichensteuer. 75 Prozent für alle, die mehr als eine Million im Jahr verdienen – zu viel für einen Schauspieler, der längst auch Unternehmer in eigener Sache ist, mehrere Restaurants und Weinberge unterhält und einen Großteil seines Einkommens aus Werbeclips für russische Küchen und armenische Fluglinien erwirtschaftet. Depardieu also zog sich nach Belgien zurück, in einen kleinen Ort direkt hinter der französischen Grenze. „Ärmlich“ nannte das der Premierminister seines Heimatlandes, woraufhin der Schauspieler ihm einen dreiseitigen offenen Brief schrieb. Er habe in 45 Jahren mehr als 145 Millionen Euro Steuern an Frankreich gezahlt. Ihn „ärmlich“ zu nennen, das sei „ärmlich“. Er gebe hiermit seinen Pass zurück sowie seine Sozialversicherungsnummer, die er nie gebraucht habe. Der Permier und er seien keine Landsmänner mehr. Dann ging es los: Die einen gaben dem Politiker recht: Was Depardieu getan habe, sei unpatriotisch, Depardieu könne nicht erwarten, für seine Steuerflucht auch noch gelobt zu werden. Andere, darunter Catherine Deneuve verteidigten ihren Kollegen, ein Regisseur erklärte: Wer Depardieu kritisiere, müsse eine solide Filmographie vorweisen können. Und so weiter.

Da war Depardieu längst mit einem anderen Problem befasst: Denn ein Franzose kann seinen Pass nicht einfach so abgeben. Wer nicht mehr Franzose sein will, der muss eine andere Nationalität vorweisen können. Der Code Civil verbietet es, Menschen in die Staatenlosigkeit zu entlassen.  Die Belgier hätten ihn wohl aufgenommen, allerdings dauert das dortige Verfahren mehrere Jahre. Was tut man also mit einem Pass, den man offiziell gar nicht mehr besitzen will? Es muss irgendwo im russischen Außenministerium einen Mitarbeiter mit einem Riecher für günstige Situationen geben – vielleicht war es auch der President himself. Jedenfalls kam dort irgendjemand auf die Idee, dass Dépardieu doch Russe werden könnte. Und er konnte. Bedankte sich anschließend in einem Brief an Präsident Putin, der seine Mitbürger niemals als „ärmlich “ bezeichnen würde und erklärte, Russland gehöre für ihn schon immer dazu – immerhin sei sein Vater Kommunist gewesen und habe immer Radio Moskau gehört.

In Moskau freut man sich natürlich ein Loch in die Mütze und hofft nun, dass noch mehr westeuroäische Promis den Versprechungen aus Moskau folgen. Russland habe Europa als Hort der Stabilität abgelöst, erklärte gar ein Kreml-Mitarbeiter.  Lenin hat für Leute wie Depardieu mal den Begriff  „Nützliche Idioten“ geprägt.

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