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Archive for the ‘Allgemein’ Category

Demonstrieren kostet Freiheit

In Allgemein, Gesellschaft on 27. Januar 2013 at 22:02

An einer Demonstration teilzunehmen, kann teuer werden. Besonders in Aserbaidschan. Bis zu 2.500 Manat mussten Teilnehmer an der gestrigen Demo zahlen. Sie gehören zu den rund 40 Personen, die gestern festgenommen wurden, weil sie an der Aktion teilnahmen (Für die es selbstverständlich keine behördliche Genehmigung gab). Ein Manat entspricht in etwa einem Euro. Viel Geld also, vor allem bei den landesüblichen Löhnen.

Insgesamt fünf Aktivisten sollen sogar zu Haftstrafen verurteilt worden sein, darunter ist auch Emin Milli, der 2009 mit dem Esel Video die Regierung Aliev offensichtlich so provoziert hatte, dass man es für nötig hielt, ihn für anderhalb Jahre einzusperren – wegen Hooliganismus. 15 Tage soll er nun ins Gefängnis, vier weitere Aktivisten wurden zu ähnlichen Strafen verdonnert.  Bei Radio Free Europe kann man ein Video der Aktion sehen. Wenn man es genau nimmt, sieht man vor allem Polizei.

Die Sicherheitskräfte sollen wieder einmal unverhältnismäßig brutal vorgegangen sein, zwei junge Frauen sind angeblich im Krankenhaus.

Aber immerhin in die deutschen Medien hat das Thema es mittlerweile geschafft.  Im Herbst sind Präsidentenwahlen. Hoffentlich denkt man hierzulande dann nicht nur an unseren eigenen Wahlkampf.

Zur Erinnerung: Es ging darum, die Menschen in Ismailly zu unterstützen, die seit Tagen für die Absetzung des Gouverneurs und Gerechtigkeit demonstrieren.

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Ist das der Frühling?

In Allgemein, Gesellschaft on 25. Januar 2013 at 23:01

In Ismailly ist seit zwei Tagen der Teufel los. Menschenrechtler sprechen von einem „Ausnahmezustand“, Facebook soll zumindest zeitweise deaktiviert worden sein. In der Stadt im Norden Aserbaidschans kommt es immer wieder zu Demonstrationen, die Polizei soll hart durchgreifen, es gibt Berichte von Misshandlungen durch Sicherheitskräfte, Journalisten wurden an ihrer Arbeit gehindert. Die Menschen auf der Straße fordern unter anderem den Rücktritt des Gouverneurs.

Was ist passiert? Am Mittwoch Abend gab es in Ismailly einen Autounfall. Ein angetrunkener Hotelbesitzer kollidierte in seinem SUV (angeblich) mit einem lokalen Taxi. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den Anwohnern, aus dem Grüppchen ist wohl eine Menge geworden und am Ende standen das Hotel, mehrere teure Autos der Gäste sowie eine Reihe Motorräder in Flammen.

Die Polizei war zunächst einmal hilflos und musste Verstärkung aus umliegenden Städten und vor allem Baku anfordern. In der Zwischenzeit zog die aufgebrachte Menge weiter in Richtung Wohnsitz des Gouverneurs und versuchte, den ebenfalls zu stürmen. Da hatte der Mann mit seiner Familie die Stadt bereits verlassen. „Rücktritt“ skandierte die Menge und immer wieder „Freiheit“.  In Baku rückte die Bereitschaftspolizei aus, Facebooknutzer rechneten aus wie lange sie nach Ismailly brauchen würden und wünschen den Demonstranten bis dahin alles Gute.

Die Sicherheitskräfte haben hart zugelangt. Die ersten Verhaftungen begannen schon am nächsten Morgen, was wiederum zu erneuten Protesten führte und zum massiven Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen, während die Demonstranten einen Regen aus Steinen auf die teilweise ziemlich überforderten Polizisten niedergehen ließen. Hohe Beamte reisten angeblich nach Ismailly und forderten die Demonstranten auf, Vertreter zu schicken, mit denen man verhandeln könne. Die Verhandlungen sind aber angeblich nicht zufriedenstellend verlaufen, denn eingeladen waren dann wohl doch nur Angestellte im öffentlichen Dienst und von staatlichen Unternehmen.

Und seitdem ist alles völlig unklar. In Nachbarstädten wie Gabbala sollen die Behörden mittlerweile auch schon in erhöhter Alarmbereitschaft sein, in Baku ist für morgen Nachmittag eine große Demonstration angekündigt, selbst in London wollen Aserbaidschaner vor der Botschaft ihres Landes demonstrieren.

Und was tun die Verantwortlichen im Lande? Im vergangegen März hatte ein ähnlicher Aufstand in Quba den örtlichen Gouverneur sein Amt gekostet.  Der Gouverneur von Ismailly dagegen will von Rücktritt nichts wissen. Er werde sich seine politische Zukunft nicht von einer Minderheit diktieren lassen, sagt er in die Mikrofone und außerdem gehe es hier doch nur um die Folgen eines Autounfalls, die Leute sollten sich beruhigen.

Was andere sagen: Noch in den ersten Berichten zu dem Zwischenfall wurde behauptet, dass in den Unfall von einem Neffen des Gouverneurs verwickelt war, der junge Mann sei zudem Sohn eines Kabinettsmitgliedes. Dem Clan der Alakbarovs soll in Islamilly so einiges gehören, unter anderem auch das Hotel, das den Bewohnern von Ismailly schon lange ein Dorn im Auge war, denn es soll sich dabei um ein Bordell gehandelt haben.  Überhaupt soll sich die Gewalt zu Anfang vor allem gegen Dinge gerichtet haben, die den Alakbarovs gehörten – darunter eine Villa und mehrere Geschäfte. Die Behörden bestritten sehr schnell, dass ein Alakbarov am Steuer des Unfallwagens saß und der Gouverneur bestritt, irgendwelche familiären Verbindungen zu dem Hotel zu haben – überhaupt gehöre ihm in Ismailly so gut wie nichts.

Was ist das jetzt also: arabischer Frühling in Aserbaidschan? Ich bin mir nicht so sicher. Wenn, dann wird es ein sehr unorganisierter Frühling. Ich kenne keine politische Bewegung, die derzeit im Stande wäre, die sehr konservative und anscheinend auch sehr unzufriedene Provinz-Bevölkerung hinter sich zu scharen. Andererseits kann eine solche Bewegung auch noch entstehen. Und dann natürlich die interessante Frage: Was machen die Nachbarländer? Armenien, Russland, Türkei, Iran, die haben alle ihre eigenen Pläne für das kleine Land. Und nicht zuletzt Europa… In amerikanischen Medien habe ich von den Unruhen gelesen – in europäischen Medien? Nichts.

Der nützliche Idiot

In Allgemein on 17. Januar 2013 at 16:20

Es gibt vielleicht keinen unangenehmeren Zustand, als ein lebendes Vorbild für andere zu sein. Besonders dann, wenn  man zum Vorbild nicht taugt. Ein Beispiel dafür ist Gérard Depardieu. Er ist in seinem Heimatland ein nationales Heiligtum – ein Vorbild. Obwohl er nichts weiter ist als ein guter Schauspieler. Es ist vielleicht der Fluch des Künstlers: Wenn er gut ist, trifft er dorthin wo wir lieben – aber er liebt nicht zurück.

Jetzt also hat Gérard Depardieu vielen das Herz gebrochen. Er hat sich als Tölpel und Dummschwätzer herausgestellt – und was am schlimmsten ist – als Kleingeist. Depardieu hat sich von Putin umarmen lassen, er hat sich von ihm einen russischen Pass, ein Haus und den Posten als Regionalpolitiker schenken lassen. Er hat sich im russischen Fernsehen ein albernes besticktes Hemd übergezogen und in einem Interview Garry Kasparow geraten, beim Schachspiel zu bleiben, denn von Politik verstehe er nichts. Er hat sich, um es kurz zu machen, selbst vor einen Karren gespannt.
Angefangen hat es angeblich mit der Reichensteuer. 75 Prozent für alle, die mehr als eine Million im Jahr verdienen – zu viel für einen Schauspieler, der längst auch Unternehmer in eigener Sache ist, mehrere Restaurants und Weinberge unterhält und einen Großteil seines Einkommens aus Werbeclips für russische Küchen und armenische Fluglinien erwirtschaftet. Depardieu also zog sich nach Belgien zurück, in einen kleinen Ort direkt hinter der französischen Grenze. „Ärmlich“ nannte das der Premierminister seines Heimatlandes, woraufhin der Schauspieler ihm einen dreiseitigen offenen Brief schrieb. Er habe in 45 Jahren mehr als 145 Millionen Euro Steuern an Frankreich gezahlt. Ihn „ärmlich“ zu nennen, das sei „ärmlich“. Er gebe hiermit seinen Pass zurück sowie seine Sozialversicherungsnummer, die er nie gebraucht habe. Der Permier und er seien keine Landsmänner mehr. Dann ging es los: Die einen gaben dem Politiker recht: Was Depardieu getan habe, sei unpatriotisch, Depardieu könne nicht erwarten, für seine Steuerflucht auch noch gelobt zu werden. Andere, darunter Catherine Deneuve verteidigten ihren Kollegen, ein Regisseur erklärte: Wer Depardieu kritisiere, müsse eine solide Filmographie vorweisen können. Und so weiter.

Da war Depardieu längst mit einem anderen Problem befasst: Denn ein Franzose kann seinen Pass nicht einfach so abgeben. Wer nicht mehr Franzose sein will, der muss eine andere Nationalität vorweisen können. Der Code Civil verbietet es, Menschen in die Staatenlosigkeit zu entlassen.  Die Belgier hätten ihn wohl aufgenommen, allerdings dauert das dortige Verfahren mehrere Jahre. Was tut man also mit einem Pass, den man offiziell gar nicht mehr besitzen will? Es muss irgendwo im russischen Außenministerium einen Mitarbeiter mit einem Riecher für günstige Situationen geben – vielleicht war es auch der President himself. Jedenfalls kam dort irgendjemand auf die Idee, dass Dépardieu doch Russe werden könnte. Und er konnte. Bedankte sich anschließend in einem Brief an Präsident Putin, der seine Mitbürger niemals als „ärmlich “ bezeichnen würde und erklärte, Russland gehöre für ihn schon immer dazu – immerhin sei sein Vater Kommunist gewesen und habe immer Radio Moskau gehört.

In Moskau freut man sich natürlich ein Loch in die Mütze und hofft nun, dass noch mehr westeuroäische Promis den Versprechungen aus Moskau folgen. Russland habe Europa als Hort der Stabilität abgelöst, erklärte gar ein Kreml-Mitarbeiter.  Lenin hat für Leute wie Depardieu mal den Begriff  „Nützliche Idioten“ geprägt.

Kritiker aus der Mitte der Gesellschaft

In Allgemein, Gesellschaft, Religion on 27. Juni 2012 at 13:43

Es ist ein so schönes Beispiel dafür, was alles schiefgehen kann im Leben eines Politikers: Da schreibt ein Schweizer Lokalpolitiker mit offenbar recht wenig technischem Verständnis von Twitter eine Nachricht und wünscht sich darin eine neue Kristallnacht, diesmal aber für Moscheen.  Und dann liest das jemand und findet das weder lustig noch irgendwie angebracht. Und als der gute Mann dann auch noch versucht, die Geschichte zu leugnen, fällt sie ihm mit Karacho auf die Füße und zwingt ihn zum Rücktritt. (no puns intended). Der Mann heißt Alexander Müller und es ist nicht sein erster „islamkritischer“ Fehltritt.  In seinem Blog findet sich noch mehr. (Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass auch das Christentum bei ihm nicht besonders gut wegkommt).

Nun sind ja Äußerungen von der Art des Herrn Müller nicht Neues mehr. Man schaue nur einmal bei PI vorbei. Worin sich all diese selbsterklärten Aufklärer und Retter der abendländischen Kultur bei aller Hetze aber einig sind, ist, dass sie selbstverständlich keine Rechtsextremen sind und dass sie selbstverständlich nicht mit Nazis sympathisieren. Als Beweis dafür wird dann die große Verbundenheit mit Israel im Allgemeinen und dem Judemtum im Speziellen angeführt. Beispiel: Die Pro-Bewegung in Deutschland. Das Problem daran: Ob jemand rechtsextremes Gedankengut hat oder rechtsextrem ist, legt er nicht selbst fest. Man kann nicht hingehen und fordern, dass alle Muslime oder alle Ausländer oder alle Illegalen rausgeschmissen werden, man kann sie nicht mit pauschalisierenden Schimpfwörtern bezeichnen und dann sagen „Ich bin nicht rechtsextrem, von faschistischem Gedankengut distanziere ich mich“.  So einfach ist das  nicht.

Und weil Islamkritiker ihre „objektiven“ Interpretationen gerne mit Koransuren belegen, sei ihnen hier mit einem Zitat aus der Bibel geantwortet, das bei Matthäus im siebten Kapitel steht:

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.

Die Früchte der Islamkritik sind Vorurteile, Ängste und damit auch eine zunehmende Trennung in „wir“ und „die“. Sie hat dazu geführt, dass es heute salonfähig ist zu sagen, der Islam sei mit der Demokratie nicht zu vereinbaren, oder der Islam akzeptiere keine Religionsfreiheit. Dass das ausgerechnet hier in Europa gesagt wird, dem Teil der Erde, der Jahrhunderte lang damit beschäftigt war, seine jüdische Bevölkerung zu massakrieren, auszuplündern, zu getthoisieren und aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, das ist schon peinlich.  Aber man will ja unbedingt aus den Fehlern gelernt haben und hasst jetzt lieber Muslime. Hass aber bleibt Hass. Und zu behaupten, der Islam sei mit unserer Gesellschaft nicht kompatibel, weil ein paar islamistische Spinner das glauben und sich dabei auf den Koran beziehen, ist genauso schlau und aufklärerisch, wie die Behauptung, das Christentum sei mit unserem Gesellschaftssystem nicht kompatibel, weil es ein paar Verrückte gibt, die nur die Bibel als Gesetz ansehen, ihre Kinder aus der Schule nehmen, die Prügelstrafe befürworten, Mädchen in lange Röcke zwingen und sie auf ihre Aufgaben als treusorgende Mütter und Ehefrauen vorbereiten. Wenn sich hier jemand als „Christentumkritiker“ hinstellte, er würde ausgelacht.  Islamkritiker dagegen dürfen in Talkshows. Aber sie tun nur so, als sei es innovativ und mutig zu sagen, was sie sagen und zu denken, was sie denken. Es ist im Gegenteil kleinlich, oberflächlich, spießürgerlich und ja, auch rechtsextrem.

Ein fruchtbarer Dialog über die Werte unserer Gesellschaft findet nicht statt. Dabei wäre es mal an der Zeit, Fragen zu stellen. Welchen Stellenwert wollen wir Fremden bei uns einräumen? Was erwarten wir von ihnen und was sollen sie von uns erwarten können? Worüber sind wir nicht bereit, zu verhandeln und warum eigentlich nicht? Wie viel Veränderung können wir ertragen? Wie viel Veränderung hat bereits stattgefunden? Wie wollen und können wir damit umgehen? Wer sind „wir“ eigentlich und wenn ja, wie viele?

Ich habe den Eindruck, die meisten Islamkritiker halten diese Fragen bereits für beantwortet – und zwar mit einem Dreiklang aus: „Das haben wir noch nie so gemacht.“, „Das haben wir schon immer so gemacht.“ und „Da könnte ja jeder kommen.“

Dazu gesellen sich dann meist auch noch nationalistisch-patriotische Äußerungen und es gehört schon fast zum guten Ton, politisch Andersdenkende verächtlich als „Gutmenschen“ oder  „linke Chaoten“ zu bezeichnen, die eines Tages schon merken werden, wie schwerwiegend ihr Irrtum war. In der Vorstellung des Herrn Müller aus der Schweiz wäre das spätestens dann der Fall, wenn all diejenigen, die ihm nicht passen, an die Wand gestellt werden. Auch darüber hatte er in seinen Tweets phantasiert. Aber das war bestimmt auch nicht rechtsextrem, sondern überhaupt nicht so gemeint.

 

Olympia in Baku?

In Allgemein, Bauindustrie, Stadt on 23. Februar 2012 at 16:22

Für Größenwahn gibt es bekanntlich kein Ende. Wundern muss man sich also nicht über die Olmpia-Bewerbung von Baku. Aber ein bisschen Sorgen macht man sich schon. Ich habe mir gerade das Bewerbungsvideo reingezogen: Baku 2020.

Die Stadt, die da präsentiert wird, kenne ich nicht.  Das Imponiergehabe , das eitle Namedropping von Architekten und die supermodernen und superkalten Glasfassaden will ich ehrlich gesagt auch nicht kennen. Ich weiß nicht, was es in einer solchen Stadt noch zu entdecken geben soll.

Und dann diese Anmaßungen: Sich „Paris des Ostens“ zu nennen, fällt auch nur Leuten ein, die Dubai für das „München Arabiens“ halten.  Die Metro „ultramodern“ zu nennen, ist angesichts des allgegenwärtigen Sowjetcharmes einfach eine Unverschämtheit. Warum kann man nicht zu den Dingen stehen wie sie sind? Was ist verkehrt an einer Metro, die ihren Pendants in Moskau, Petersburg oder Minsk in nichts nachsteht und besser funktioniert als manche U-Bahn hier?

Nichts ist in diesem Video zu sehen vom echten Baku, von dem Baku in dem die Menschen leben, von den Wohnsiedlungen, den Märkten, den Straßen der Gründerzeitstadt. Selbst die Altstadt wird in diesem Video zu einer Art Disneyland mit Teppichen und Sandstein.

„Authentische und inspirierende“ Spiele soll es geben. Aber nichts von dem was das Video verspricht ist authentisch oder auch nur inspirierend. Es ist genaugenommen alles sehr traurig: Eine Stadt, die sich von fremden Architekten neu erfinden lässt, aber selbst keinen Bebauungsplan hat, in der Altes nur dann als wertvoll erkannt wird, wenn jemand von der Unesco vorbei kommt und ein Prädikat draufklebt.

Ob die olympischen Spiele irgendetwas für die Menschen in Aserbaidschan ändern werden? Ich glaube nicht recht daran. Klar, es gibt viel kritische Berichterstattung und Unterstützung für Aktivisten vor Ort. Das sieht man jetzt auch beim Eurovision Songcontest. Aber genauso wie bei dem Popwettbewerb, ist das Internationale Olympische Komitee letztlich an schönen, ruhigen und möglichst unpolitischen Spielen interessiert. Das Spektakel soll im Stadion und nicht auf der Straße stattfinden. So ist der Westen nämlich auch: Meistens hat er zwar etwas gegen Diktatoren, aber wenn er bei ihnen zu Gast ist, ist es ihm peinlich, wenn das Volk ihn um Hilfe bittet.

Gönne ich den Menschen in Aserbaidschan die Olympischen Spiele? Ja, den Menschen gönne ich sie. Der Regierung aber nicht. Hunderte Millionen würden wieder in irgendwelchen tiefen Taschen verschwinden, Geld, das eigentlich für Schulen, Universitäten, die Krankenversicherung oder Straßen ausgegeben werden müsste. Dissidenten würden mundtot gemacht und das alles für ein paar Fototermine und ein bisschen Glamour.

Ich wünsche mir, dass das IOK genau aus diesem Grund die Bakuer Bewerbung zurückgehen lässt.

Lest sie!

In Allgemein on 14. Februar 2012 at 19:45

Ich bin wieder da. Also, eigentlich war ich immer schon da, aber das soll hier nicht Thema sein. Vielmehr will ich um ein bisschen Solidarität werben – für meine Kollegen in Aserbaidschan. Das mag sich nach Kampagne anhören – und das ist es auch, aber die Jungs und Mädels können die Hilfe brauchen. Einen sehr kurzen, aber zahlengesättigten Einblick in die Schwierigkeiten gibt es hier.

Als Journalist, der seine Arbeit ernst nimmt, in Aserbaidschan zu arbeiten ist nicht nur finanziell ruinös sondern auch lebensgefährlich. Im letzten Jahr wurde Rafik Tagi auf dem Heimweg erstochen. Er hatte sich durch polemische Kritik am Islam, dem Iran und der aserbaidschanischen Regierung so ziemlich überall unbeliebt gemacht. Andere Kollegen, wie Eynulah Fatullayev wurden bedroht, zusammengeschlagen und eingesperrt.

Zeitungen gehören zu den letzten Medien außerhalb des Internets, in denen Opposition überhaupt noch stattfindet. Jetzt ist die Regierung dabei, sie durch Gängeleien langsam zu ersticken. Plötzlich dürfen sie ihr Blatt nicht mehr auf der Straße verkaufen, die Zahl der legalen Verkaufspunkte wird drastisch reduziert – in einem Land, in dem es praktisch keine Abonnements gibt, in dem sich Zeitungen jeden Tag am Kiosk behaupten müssen, ist das eine Katastrophe.

Und das Internet kann nicht alles ersetzen. Zeitungen haben auch in Aserbaidschan bei den meisten Lesern eine sehr hohen Vertrauensvorschuss. Und auch wenn die junge Generation sich zu einem großen Teil über das Internet informiert, ist das bei den Älteren praktisch gar nicht der Fall.

Einmal sagte mir ein Freund „Wir werden weitermachen, egal was ist. Woanders kommen wir eh nicht unter und wollen das auch nicht. Wenn die Zeitung zumacht, dann werden wir eben anders weiterschreiben – etwas anderes können wir nicht tun.“

Ich möchte daran glauben, dass eine Gesellschaft, die solche Journalisten hat, noch nicht ganz verloren ist. Vielleicht wäre ihnen schon geholfen, wenn sie im Westen mehr gelesen würden. Wer nur Engisch kann ist bei Contact gut aufgehoben. Wer dazu noch des Russischen mächtig ist, liest Zerkalo oder Echo. Unter den Aserbaidschanischen Zeitungen soll Azadliq  gut sein, das kann ich aber mangels Sprachkenntnissen nicht bestätigen.

Worum ich eigentlich bitten will ist ein Blick über den Tellerrand. Hervorragender, lesenswerter Journalismus wird nicht nur in New York, Paris, London oder Hamburg gemacht. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit kann der internationalen Presseperipherie sicher nicht schaden.

Religion und Glauben

In Allgemein on 1. Dezember 2011 at 19:31

Bakuer Bucht

Was bedeutet es, dass Aserbaidschan ein muslimisches Land ist? An dieser Frage arbeite ich mich nun schon seit Wochen ab. Denn für mich – also eine durchschnittlich Vorurteilsbeladene Westeuropäerin – sieht Aserbaidschan nicht so aus, wie ich mir ein muslimisches Land vorgestellt habe, und es hört sich auch nicht so an: Während man beispielsweise in Istanbul fünfmal am Tag den Muezzin hört – und das in jedem Stadtteil – gehören Moscheen hier nicht zur unabdingbaren Infrastruktur jedes Viertels. In den Supermärkten steht die Auswahl an alkoholischen Getränken der in Deutschland um nichts nach und Würstchen enthalten hier meistens Schweinefleisch. Also doch kein muslimisches Land? Doch, aber eben genauso muslimisch wie Deutschland christlich ist.  Man feiert muslimische Feiertage, hat muslimische Traditionen und nimmt es ansonsten mit den islamischen Verhaltensregeln etwa so genau wie die meisten Christen mit den biblischen Geboten.

Das ist jetzt natürlich schrecklich vereinfacht. Aber es ist auch wahr, zumindest in Baku. Außerhalb der Großstadt sieht es etwas anders aus.  Für Baku aber lässt sich sagen: es ist eine muslimische Stadt, deren Gesellschaftsordnung aber säkular ist. Das heißt natürlich nicht, dass die Menschen nicht religiös wären. In Deutschland gibt es ja auch eine Menge Christen. Aber die meisten machen daraus eben keine öffentliche Sache.  Über 90 Prozent aller Aserbaidschaner bekennen sich zum Islam, aber die Religion gehört ins Privatleben und ist für viele eher Teil ihrer Kultur als ihres Alltags.

auf einem Basar

Ein guter Indikator dafür ist meiner Meinung nach die Zahl von verschleierten Frauen. Und wieder: Das gilt vor allem für Baku! Es gibt in hier nur wenige Frauen, die einen Hijab tragen und bislang habe ich auch nur ein einziges Mal eine vollverschleierte Frau gesehen. Außerdem fällt auf, dass das muslimische Kopftuch vorwiegend von jungen Frauen getragen wird. Nicht selten sieht man sie in Begleitung älterer Damen, die ich dann meist für Mütter, Tanten oder Großmütter halte und diese älteren Damen tragen kein Kopftuch.  Der muslimische Schleier galt besonders unter den Soviets als ein Zeichen von Rückständigkeit.  Es gibt hier ein Dekmal, das eine muslimische Frau zeigt, die sich den Schleier vom Kopf zieht – als Zeichen ihrer Emanzipation von religiöser und gesellschaftlicher Bevormundung.

Die meisten Frauen in Baku, die heute Hijab tragen, haben sich also gegen das Vorbild ihrer Mütter entschieden.  Ganz bewusst setzen sie mit dem Kopftuch ein sichtbares Zeichen: Sie bekennen sich zu ihrer Religion und das mit einem gewissen Selbstbewusstsein, sie stechen aus der Masse heraus.  Eine junge Frau erzählte mir, sie habe sich erst einmal gegen ihre Familie durchsetzen müssen, um den Hijab tragen zu können, ihre Mutter sei strikt dagegen gewesen.

Die Verbreitung des Kopftuches kann also ein Anhaltspunkt dafür sein, wie viele Frauen sich hier sehr bewusst zum Islam bekennen und bereit sind, ihren Glauben täglich zu leben – ähnlich vielleicht den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern und Wallfahrern unter den Christen. An- oder Abwesenheit des Hijab geben aber keinerlei Hinweise auf die Verbreitung des Islam und schon gar nicht auf die Lage der Frauen in diesem Land. Denn obwohl die Religion im Alltag nicht sichtbar und die Gesellschaft säkular ist, ist sie immer noch unglaublich konservativ.

Frauen, die nach 20 Uhr unbegleitet unterwegs sind, müssen sich so manch unverschämten Blick und Bemerkungen gefallen lassen, Frauen machen alle Hausarbeit, wenn Gäste kommen, halten Frauen sich meist in der Küche auf, fahren eine Runde Tee und Süßigkeiten nach der anderen auf, während der Hausherr auf dem Sofa sitzt. Wenn ich Interviews mit Frauen machen will, geht das eigentlich nur in Abwesenheit ihrer Männer, weil die sonst immer dazwischenquatschen.  Der Mann gilt hier tatsächlich noch als Oberhaupt der Familie und jungen Frauen ist es fast unmöglich von zu Hause auszuziehen bevor sie nicht verheiratet sind.

In Deutschland wird ja gerne argumentiert, der Hijab sei sowohl Mittel zur als auch Zeichen der Unterdrückung von Frauen. Das ist hier nicht so. Ich glaube nicht, dass eine Frau, die sich bewusst für den Schleier entscheidet und das auch als einzige ihrer Familie, hier stärker unterdrückt wird als eine Frau, die mit Lippenstift, Absatz und Minirock allen gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Dafür aber ist der Hijab hier tatsächlich ein Zeichen von Religiosität und zwar einer nach außen getragenen, sichtbaren. Wer Hijab trägt, für den ist Religion keine reine Privatsache, sondern ein öffentliches Bekenntnis. Warum es vor allem die junge Generation ist, die sich dafür entscheidet, davon wird an anderer Stelle die Rede sein müssen.

Die große Enttäuschung

In Allgemein on 20. November 2011 at 17:32

„Schreiben Sie das, schreiben Sie es!“

Mein Gemüsehändler hat herausbekommen, dass ich Journalistin und aus Deutschland bin. Sofort beginnt er, auf mich einzureden. „Wie gefällt Ihnen Aserbaidschan?“. Ich gebe die höfliche Antwort, die überall geht: „Gut gefällt es mir, die Menschen sind so offen und gastfreundlich. Und Baku ist eine schöne Stadt.“

Doch meinem Gemüsehändler geht es nicht um Smalltalk. Er unterbricht mich: „Und wie gefällt Ihnen unsere Politik? “ Ich schweige. „Gefallen ihnen etwa unsere Renten? Gefallen Ihnen unsere Gehälter? Wie finden Sie unsere Regierung, gefällt die ihnen?“

Was soll ich sagen? „Nein, das gefällt mir alles nicht.“

„Schreiben Sie darüber“, sagt mein Gemüsehändler. „Es gibt hier viele, die sich nicht trauen, darüber zu schreiben. Aber Sie können das.  Sie brauchen keine Angst zu haben. Sagen Sie denen in Deutschland, wie schwer hier das Leben ist. Waren Sie schon einmal in einer der Regionen? Da ist es noch schlimmer, da gibt es kein Gas, keinen Strom. Im Winter liegt der Schnee bis zu den Knien. “

Der Gemüsehändler lässt sich sogar fotografieren. Ich werde ihn hier aber nicht abbilden.  Stattdessen gibt es ein Bild meiner Lieblingsstraßenlaterne.

LaternenbaumVielleicht ist das übertrieben vorsichtig, vielleicht muss man die Menschen aber auch manchmal vor sich selbst schützen.

In fast jedem Gespräch, das ich hier führe, sei es mit Rentnern oder mit Händlern, mit Bekannten oder Fremden, mit Kollegen oder Zufallsbekanntschaften, überall schlägt die Unzufriedenheit durch.  Was die Menschen am meisten ärgert, ist die Rechtlosigkeit: Menschen werden aus ihren Wohnungen geworfen, obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gibt und der Staat macht mit den Verbrechern gemeinsame Sache.  Wer aufmuckt, der muss nicht nur um seine eigene Existenz fürchten: Plötzlich verlieren Ehepartner ihre Arbeit, droht den Kindern eine Haftstrafe, fliegt die Nichte von der Uni. So einfach ist das.

Das Gefühl, vom Staat, von denen da oben alleine gelassen zu werden, schlägt einem überall entgegen. Es ist eine große Enttäuschung. Dabei könnte es doch alles so einfach sein: Mit dem Geld aus dem Verkauf von Öl und Gas ließe sich dieses Land aufbauen: Baku könnte in altem und neuem Glanz erstrahlen, die Regionen könnten entwickelt werden, Tourismus könnte entstehen, eine Erdöl verarbeitende Industrie… Aber dafür müsste man das Geld verteilen und investieren. Und nicht auf Schweizer Konten schaffen.

Heuern und Feuern – oder die andere Seite der Gastfreundschaft

In Allgemein on 19. November 2011 at 10:54

Leider habe ich für diesen Artikel keine Fotos. Aber die Geschichte, die mir gestern passiert ist, braucht auch kein Bild.

Ich bin mit einem Freund in einer Universität unterwegs. Wir wollen einen Professor treffen, ihn fotografieren und dann möglichst schnell wieder weg. Einen Termin habe ich klargemacht. Am Eingang müssen wir an den Wachmännern vorbei. Sie sitzen in ihrem kleinen Kabuff und lassen sich von jedem Studenten den Ausweis zeigen. Wir fallen natürlich sofort auf. Also gehe ich zum Angriff über und sage mein Sprüchlein auf: Wir sind Journalistin und Fotograf, wir wollen diesen Prof fotografieren, wir haben einen Termin. Der Oberwachmann ist skeptisch und beschließt, zur Sicherheit mal seinen Boss zu fragen.

Er führt uns über das Unigelände, von allen Seiten werden wir angestarrt, wir sehen definitiv nicht aus wie die örtliche Jugend und dann haben wir auch noch ein Stativ dabei…Vor dem Büro des Bosses vom Oberwachmann ist ein kleiner Tresen. Dahinter sitzen weitere Wachmänner. Sie reden auf aserbaidschanisch, was ich nicht verstehe. Und sie lachen. Wahrscheinlich über uns. Man merkt es einfach, wenn man zum Gesprächsgegenstand wird – auch wenn man an dem Gespräch nicht teilnimmt.

Wir werden ins Büro des Oberbosses gebeten. Ich sage das Sprüchlein auf. Der Boss telefoniert, ist dann einverstanden, wir verlassen das Büro. Der Oberwachmann führt uns den Weg, den ich ohnehin schon kenne und erzählt: “ Der Typ da, der über euch gelacht hat, den habe ich gerade gefeuert.“

Ich brauche einen Moment um überhaupt zu verstehen, wovon die Rede ist. „Ich habe ihm gesagt: das tut man nicht. Das sind unsere Gäste, über seine Gäste lacht man nicht. Das würdest Du zu Hause auch nicht machen. Du kannst jetzt Deine Sachen packen und brauchst gar nicht mehr wieder zu kommen.“

Ich setze mein Sie-machen-einen-Scherz-Gesicht auf und sage etwas, an das ich mich nicht mehr erinnere.

„Neinein, ich habe ihn wirklich gefeuert, so ein Verhalten kann ich nicht dulden.“

„Aber deshalb muss man doch jemanden nicht gleich feuern“, versuche ich gegenzuhalten.

„Doch, so ein Verhalten, das geht einfach nicht.“

Im Gespräch stellt sich dann noch heraus, dass der junge Mann 25 Jahre alt ist. Er tut mir leid. Nichts gegen die hohen Serviceansprüche seines Vorgesetzten und ich schätze die aserbaidschanische Gastfreundschaft ja wirklich sehr, aber hätte eine Verwarnung nicht gereicht?

Schnee in Baku

In Allgemein on 7. November 2011 at 20:06

Es schneit in Baku. Ich habe beschlossen, keinen Fuß vor die Tür zu setzen und bin diesem Vorsatz bislang auch gefolgt. Mein Mitbewohner genauso wie alle Kollegen und Freunde, die ich heute gesprochen habe, sind völlig aus dem Häuschen. So etwas haben sie noch nie gesehen: Dass es Anfang November in Baku schneit. Damit man mir also glaubt, hier ein Beweisfoto, aus dem Fenster geschossen:

Es hat geschneit - Anfang November

Jetzt lohnt sich wenigstens der improvisierte Kühlschrank der Nachbarn.

Außenkühlschrank