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Archive for the ‘Bauindustrie’ Category

Olympia in Baku?

In Allgemein, Bauindustrie, Stadt on 23. Februar 2012 at 16:22

Für Größenwahn gibt es bekanntlich kein Ende. Wundern muss man sich also nicht über die Olmpia-Bewerbung von Baku. Aber ein bisschen Sorgen macht man sich schon. Ich habe mir gerade das Bewerbungsvideo reingezogen: Baku 2020.

Die Stadt, die da präsentiert wird, kenne ich nicht.  Das Imponiergehabe , das eitle Namedropping von Architekten und die supermodernen und superkalten Glasfassaden will ich ehrlich gesagt auch nicht kennen. Ich weiß nicht, was es in einer solchen Stadt noch zu entdecken geben soll.

Und dann diese Anmaßungen: Sich „Paris des Ostens“ zu nennen, fällt auch nur Leuten ein, die Dubai für das „München Arabiens“ halten.  Die Metro „ultramodern“ zu nennen, ist angesichts des allgegenwärtigen Sowjetcharmes einfach eine Unverschämtheit. Warum kann man nicht zu den Dingen stehen wie sie sind? Was ist verkehrt an einer Metro, die ihren Pendants in Moskau, Petersburg oder Minsk in nichts nachsteht und besser funktioniert als manche U-Bahn hier?

Nichts ist in diesem Video zu sehen vom echten Baku, von dem Baku in dem die Menschen leben, von den Wohnsiedlungen, den Märkten, den Straßen der Gründerzeitstadt. Selbst die Altstadt wird in diesem Video zu einer Art Disneyland mit Teppichen und Sandstein.

„Authentische und inspirierende“ Spiele soll es geben. Aber nichts von dem was das Video verspricht ist authentisch oder auch nur inspirierend. Es ist genaugenommen alles sehr traurig: Eine Stadt, die sich von fremden Architekten neu erfinden lässt, aber selbst keinen Bebauungsplan hat, in der Altes nur dann als wertvoll erkannt wird, wenn jemand von der Unesco vorbei kommt und ein Prädikat draufklebt.

Ob die olympischen Spiele irgendetwas für die Menschen in Aserbaidschan ändern werden? Ich glaube nicht recht daran. Klar, es gibt viel kritische Berichterstattung und Unterstützung für Aktivisten vor Ort. Das sieht man jetzt auch beim Eurovision Songcontest. Aber genauso wie bei dem Popwettbewerb, ist das Internationale Olympische Komitee letztlich an schönen, ruhigen und möglichst unpolitischen Spielen interessiert. Das Spektakel soll im Stadion und nicht auf der Straße stattfinden. So ist der Westen nämlich auch: Meistens hat er zwar etwas gegen Diktatoren, aber wenn er bei ihnen zu Gast ist, ist es ihm peinlich, wenn das Volk ihn um Hilfe bittet.

Gönne ich den Menschen in Aserbaidschan die Olympischen Spiele? Ja, den Menschen gönne ich sie. Der Regierung aber nicht. Hunderte Millionen würden wieder in irgendwelchen tiefen Taschen verschwinden, Geld, das eigentlich für Schulen, Universitäten, die Krankenversicherung oder Straßen ausgegeben werden müsste. Dissidenten würden mundtot gemacht und das alles für ein paar Fototermine und ein bisschen Glamour.

Ich wünsche mir, dass das IOK genau aus diesem Grund die Bakuer Bewerbung zurückgehen lässt.

Jugendstil in Baku

In Bauindustrie, Stadt on 3. Dezember 2011 at 20:44

Eingang zur Schatzkiste

Gestern bin ich mehr oder weniger zufällig in eine Art Photo-Rausch geraten. Unterwegs in einem der Viertel, die abgerissen werden sollen, habe ich mich auf die Suche nach Jugendstil gemacht und habe mehr gefunden als ich mir ausgemalt hatte. Einfach in offene Hauseingänge gegangen, die Treppen hinauf und Fotos gemacht. Es gibt da unglaubliche Schätze zu entdecken – einfach unglaublich!

Allein so ein Geländer zu besitzen

Es scheint das Schicksal des Jugendstils zu sein, dass er erst dann gewürdigt wird, wenn es ihn nicht mehr gibt. Auch in Europa hat man nach dem Krieg den Stuck von Jugendstil-Fassaden abgeschlagen, die Decken in den Wohnungen abgehängt und zog es vor, hinter Fenstern in Standardgröße zu leben, in Wohnungen, die mit einem Schuhkarton mehr Ähnlichkeit hatten als mit einer menschlichen Behausung. Wenn man so will, ist der Jugendstil bei uns dem engstirnigen Spießertum zum Opfer gefallen. Hier in Baku fällt er dem Mangel an Bildung zum Opfer. Einer sehnsüchtigen Vorstellung vom Westen, die sich aus kitschigen Musikvideos, amerikanischen Filmen und türkischen Seifenopern speist. Und golden glitzernde Badewannen mit Glaskristallen passen einfach nicht so recht in Badezimmer, die aus einer Zeit sind, die die Wellnessoase noch nicht kannte, in der mit Öfen geheizt wurde und in der Stuckateur noch ein echter Beruf war.

Sogar die Originalfarbe ist noch da

In Deutschland weiß man die Wohnungen dieser Zeit mittlerweile zu schätzen. In Aserbaidschan scheinen die Reichen aber immer noch in einer Art Barbie-Welt zu leben. Diejenigen, die in den Jugendstil- Häusern wohnen, wissen sehr wohl, was sie an ihnen haben.

prunkvoller Jugenstileingang

Hier beispielsweise traf ich Lala, die mich auf ihr Dach einlud. Dort hat es vor einer Woche gebrannt. Die Bewohner glauben, dass es kein Zufall war, dafür habe die Feuerwehr zu lange gebraucht.

ausgebrannter Dachstuhl

Nun regnet es in die Wohnungen in der vierten Etage hinein.  – Kurze Randbemerkung: Es handelt sich hier um ein typisches Bakuer Altstadthaus: ursprünglich hatte es drei Etagen, zu Sovietzeiten wurde dann eine weitere Etage draufgesetzt. So wurde es mit fast allen Häusern gemacht. Lala sagt, ihr Haus habe eine wunderbare Atmosphäre, es sei einfach ein freundliches Gebäude. Aber nun habe das Löschwasser im ganzen Haus schwere Schäden verursacht. Es gibt hier staatliche Einrichtungen, die sich um die Instandhaltung von Wohnhhäusern kümmern, die aber tun nichts.

Zufallsfund

Lala erzählte, dass früher viele dieser Häuser innen ausgemalt waren, unter anderem habe es riesige Porträts ihrer Besitzer gegeben. Diese seien dann unter den Soviets übermalt worden. Doch nach der Unabhängigkeit seien viele dieser Bilder wieder entdeckt worden.  Und nun? Blättert die Farbe von den Wänden, werden die Gebäude so lange vernachlässigt, bis man sie abreißen muss. Es ist zum Heulen.

Eingangstür

Aserbaidschanisches Spiel

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 25. November 2011 at 12:51

Es gibt Menschen, die bezeichnen das Leben als Spiel und den Mensch als homo ludens.

Und Du willst in diesem Spiel vorankommen? Hast Du einen reichen Vater? Hat Deine Mutter vielleicht einen Onkel im Innenministerium? Gehört Deinem Cousin dritten Grades vielleicht eine Fabrik? Kurz, hat in Deiner Familie irgendjemand irgendwo irgendetwas zu sagen? Fein! Dann gehe bitte sofort auf die Parkstraße und in die Schlossallee und baue Hotels. Geld brauchst Du keines. Gehören müssen Dir die Straßen auch nicht. Du hältst ein Papier hoch auf dem steht, dass Du das darfst. Und dann lässt Du Deinen Onkel oder Deine Tante oder Deinen Cousin  oder gleich die ganze Brut dort immer umsonst drüberlaufen und das ist der Preis, den du zahlst.

Ansonsten bist Du damit beschäftigt, direkt über Los zu gehen und 4.000 einzuziehen. Wenn Du eine Ereigniskarte ziehst, dann ist es die „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“– Karte. Die darfst Du übrigens auf der Hand behalten.  Das Leben ist ein großer Gutschein und Du füllst ihn aus.

Blick in ein Wohnhaus mit Durchgang zum Hof

Bleibt nur zu hoffen, dass Du nicht zu denen gehörst, die in der Schlossallee wohnen. Denn dann wird dir eines Tages jemand Dein Haus über dem Kopf abreißen. Du willst Dich wehren? Du ziehst eine Ereigniskarte: „Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie nicht über Los, Ziehen Sie keine 4.000 ein.“  Du sitzt. Weil Du dich gegen die Polizei gewehrt hast. Wegen Hooliganismus, wegen Drogenhandels. Du willst das vermeiden, vielleicht weil Du Familie hast? Dein Gegenspieler bietet Dir einen lukrativen Deal an:  Du verkaufst Deine Wohnung an seinen Fahrer, der Fahrer zahlt weit unter Marktpreisen und ist ganz aus Stroh. Mit dem Geld ziehst Du in die Badstraße und musst nun in jeder Runde einen Haufen Geld zahlen um zur Arbeit zu kommen, denn dummerweise bist Du Schalterbeamte am Hauptbahnhof.

Blick in Hauseingang mit Beleuchtung

Oder Dein Gegenspieler bietet Dir eine Wohnung an. Die Wohnung hat der Cousin Deines Gegenspielers gebaut, der muss ja auch von etwas leben. Leider hat der Cousin vergessen, sich für das Gebäude eine technische Zulassung zu besorgen. Jetzt weißt Du also nicht, ob Dein neues Zuhause beim nächsten Erdbeben auch gleich Dein Grab wird. Außerdem existiert ein nicht zugelassenes Gebäude juristisch gesehen gar nicht – Du bekommst also auch keinen Nachweis, dass Deine neue Wohnung Dir tatsächlich gehört.

Im Novemer

Du hast verloren, wenn Dir nichts mehr gehört.

Es ist ja früher nicht alles schlecht gewesen…

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 8. November 2011 at 09:19

Sowjetische Nachbarschaft

Dieses Foto wollte ich schon seit Ewigkeiten machen. Der kleine – mittlerweile stillgelegte – Springbrunnnen steht in einem Innenhof aus sowjetischer Zeit. Von vier Seiten wird er eingefasst von 5-geschossigen Appartementblocks aus der Zeit der Sowjets.  Und was assoziiere ich mit dieser Zeit? Graue Fassaden, freudlose Gesichter, lange Schlangen vor den Geschäften und vor allem Angst vor Geheimdiensten, politischen Zeloten und Spitzeln. Und dann das: Da hat doch tatsächlich ein Architekt eine Art sozialen Treffpunkt geschaffen, ein Stück Nachbarschaft. Auf Kindergröße, in Kinderfarben.

Es war einmal ein Treffpunkt

Ich will hier ja nichts beschönigen, aber vielleicht war wirklich damals nicht alles schlecht? Mein Viertel war definitiv einmal für die etwas gleicheren des Apparates gedacht – und die konnten immerhin auf Springbrunnen setzen. Weiter draußen, da wo die wirklich arbeitende Bevölkerung lebt, ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Was sollen auch Menschen mit einem Springbrunnen, die morgens in Herrgottsfrühe das Haus verlassen, Abends spät zurückkommen und es dann höchstens noch bis zum Fernseher schaffen? Springbrunnen für die einen – nackte Wohnblöcke für die anderen? Die Geschichte wiederholt sich.

Aus Alt mach Neu – der Preis des Baubooms

In Bauindustrie, Stadt on 24. Oktober 2011 at 11:59

Heydar Aliyev, der Vater des amtierenden aserbaidschanischen Präsidenten in BronzeHinter dem großen Denkmal für den „nationalen Führer“ Aserbaidschans, Heydar Aliyev, liegt eine der größeren Baustellen Bakus. Genau genommen ist es noch keine Baustelle, denn gebaut wird dort noch nicht. Es existieren eigentlich nur zwei riesige Gruben.

Die traurigen Reste des jüdischen Viertels

An ihrer Stelle stand einmal das jüdische Viertel. Die Häuser müssen irgendwann im 18. bis 19. Jahrhundert gebaut worden sein.  Damals erlebte Baku seinen ersten Ölboom. Juden aus Südrussland und der Ukraine, Georgier und Armenier, Russen, Deutsche aus dem Baltikum und Schweden suchten hier ihr Glück. Die Brüder Nobel machten mit Öl aus Baku ihre ersten Millionen . Die Neureichen bauten jenseits der Stadtmauern eine ganz neue Stadt im europäischen Stil, mit prachtvollen Fassaden und breiten Boulevards.  Baku galt bald als schönste und weltoffendste Stadt des Südkaukasus.

Blick in einen Hinterhof in Baku

Seit etwa zwanzig Jahren erlebt Aserbaidschan seinen zweiten Ölboom und wieder wird gebaut wie verrückt. Der neuen Vorliebe für glänzende Fassaden aus Glas und Stahl, für moderne Appartements mit allem Komfort und 2,60m Deckenhöhe, für zweitstellige Geschosszahlen und spiegelglatte Marmorfußböden müssen die alten Häuser und ihre Bewohner weichen. Dass es ausgerechnet das jüdische Viertel erwischt hat, ist Zufall und hat wahrscheinlich mit seiner Lage zu tun. Eingerissenes Haus

Auf die Idee, die Altbauten zu sanieren scheint niemand gekommen zu sein. Mit neuen  Wohnungen lässt sich zudem mehr Geld verdienen. Und so verschwindet ein ganzes Viertel mit seiner großbürgerlichen Vergangenheit, seinen verwinkelten Treppenaufgängen und Hinterhöfen.

Flügeltür in Abrisshaus

In wenigen Monaten wird nichts mehr übrig sein. Dabei gibt es hier wahre Schätze zu entdecken. Zum Beispiel einen Ofen, wie ich ihn immer haben wollte: Er wird in eine Wand eingebaut und von einem Zimmer befeuert, heizt aber mehrere Räume.

Blick in eine Abrisswohnung

Oder das Luxuskabinett einer unbekannten Familie, die sich reichlich mit Stuck und bunten Farben ausstattete – wie dieser Luxus die Sowjetzeit überlebt hat, fragt man sich und es blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie gnadenlos das alte Geld dem neuen weichen muss.

Luxuskabinett im Abriss

In einigen der Abrisshäuser leben noch immer Menschen. Viele wehren sich entschieden gegen Enteignung und Rausschmiss.  Doch wenn Gerichte in ihrem Sinne urteilen, wird dies von anderen Behörden und Baufirmen einfach ignoriert.  Die Kompensationen, die ihnen angeboten werden, reichen nicht, um eine gleichwertige Wohnung zu bekommen, schon gar nicht im Stadtzentrum. Wer die Entschädigungen nicht annimmt, verliert sein Eigentum trotzdem. Alle Häuser, die bereits geräumt wurden, hat man unbewohnbar gemacht: Türen raus, Fenster raus, Dach runter, Decken durchgebrochen. Bei der Entschlossenheit der örtlichen Behörden kann man wohl davon ausgehen, dass hier bis zum Eurovision Songcontest mindestens mal Baugruben zu sehen sein werden, wenn nicht schon die ersten Fundamente stehen.

Holzbalkons - typisch für Baku

Ähnliche Bausünden wurden natürlich auch in Westeuropa begangen. Man gehe nur einmal durch das Stadtzentrum von Köln oder Kassel. Dort wurde nach dem Krieg auch lieber Tabula rasa gemacht als das, was noch stand wieder herzustellen, oder zumindest die Fassaden zu retten. Schade nur, dass die gleichen Fehler wieder und wieder geschehen müssen.  Ich bin mir sicher, dass viele Aserbaidschaner in zehn oder zwanzig Jahren dem alten Baku hinterhertrauern werden.