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Qurban Bayrami- Das Opferfest

In Essen, Gesellschaft, Religion, Stadt on 7. November 2011 at 09:46

In diesem Post werden Schafe geopfert. Dafür wird ihnen die Gurgel durchgeschnitten. Zartbesaitete Leser seien hiermit gewarnt.

Koran, 37. Sure:

102. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): «O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, daß ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?» Er antwortete: «O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Allah will, standhaft finden.»

103. Als sie sich  beide ( Gott)  ergeben hatten und er  ihn mit der  Stirn gegen den Boden hingelegt hatte,

104. Da riefen Wir ihm zu: «O Abraham,

105. Erfüllt hast du bereits das Traumgesicht.» Also lohnen Wir denen, die Gutes tun.

106. Das war in der Tat eine offenbare Prüfung.

107. Und Wir lösten ihn aus durch ein großes Opfer.

108. Und Wir bewahrten seinen Namen unter den künftigen Geschlechtern.

109.  Friede  sei auf  Abraham!

Qurban Bayrami nennt man das Opferfest hierzulande, es ist neben dem Ende des Ramadans das höchste religiöse Fest im Islam.

Der Tag begann mit Regen und jetzt, am nächsten Morgen ist der Regen ohne Unterbrechung in Schnee übergegangen. Am Eingang der Moschee begrüßte uns der Sheikh. Ein Mann um die 50 mit einem freundlichen Gesicht, kurzem Bart und einem langen braunen Umhang über dem weißen Hemd. Zum Gebet kamen vielleicht 50 Männer, die Frauen beteten in einem seperaten Raum. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass sich jemand bei mir dafür bedankt hat, dass ich mit bedecktem Haupt sein Gotteshaus betreten habe.

Feiertagsgebet zum Opferfest in der Altstadt von Baku

Für die Schülerinnen der Frauen-Medresse bedeutet das Opferfest auch das Ende ihres Schuljahres.  An der Koranschule lernen sie zunächst Arabisch lesen und aussprechen, dann folgen Farsi und Englisch. Frauen aller Altersklassen versammelten sich in einem kleinen fensterlosen Raum. Der Boden war mit Teppichen bedeckt, die Schülerinnen knieten auf dem Boden und die Lehrerin sprach meinetwegen auf Russisch. Sie erzählte vom Opferfest, vom Glauben Abrahams, der seinen Gott so sehr liebte, dass er bereit war, ihm seinen Sohn zu opfern, von der Güte Gottes, der Abrahams Glauben erkannte und ihm anstelle des Sohnes ein Schaf zu opfern gab, das Abraham in seinem Namen schlachten sollte. „Selbst für das Schaf“, schloss die Lehrerin, „ist es die größte Ehre, als Opfertier an Qurban Bayrami zu sterben.“

Eingang zur Frauen-Koranschule

Wer es sich leisten kann, der lässt zum Opferfest ein Schaf schlachten oder schlachtet selbst. Eine Hälfte des Fleisches ist für den Opfernden, die andere wird in sieben Teile geteilt und unter Verwandten, Freunden und vor allem den Bedürftigen verteilt. Eine riesige Menge Plastiktüten wurden plötzlich in die Medresse hereingereicht und verteilt, auch ich bekam einen jener geheimnisvollen schwarzen Säcke überreicht, darin, das sah man schon beim ersten Blick , ein siebentel von einem halben Schaf. Abzulehmen war keine Option, mit etwas Verhandlungsgeschick konnte ich eine weitere Tüte von mir abwenden.

Insgesamt hat die Verwaltung in Baku sieben offizielle Schlachtplätze eingerichtet. Dort sind die Fleischpreise kontrolliert und das Schlachten geschieht unter der Aufsicht von Veterinären und Gesundheitsbehörden. Aber das subventionierte Fleisch dort reicht nicht. Auf einem Grünstreifen an einer großen Straße im Nordosten von Baku wurde schwarz geschlachtet. An der Zufahrt stand ein Polizeiauto, vor unangemeldeten Kontrollen brauchte sich also keiner zu fürchten. Der Regen hatte aus dem Untergrund mittlerweile Schlamm gemacht, an den Bäumen hingen tote Schafe, denen das Fell abgezogen wurde, überall waren Lachen frischen Blutes, der Boden war so nass, dass es nicht versickerte.

Opfertier unmittelbar vor der Schlachtung

Nebenan war ein kleines Areal abgezäunt, in dem eine sich ständig verkleinernde Herde an etwas feuchtem Heu kaute. Immer wieder wurde ein Schaf mehr oder weniger sanft herausgezogen. Nur einmal sah ich, dass die Opfernden noch einmal einige Suren aus dem Koran lasen, dann band der Schlachter dem Tier die Beine zusammen, wetzte sein Messer und schnitt dem Tier die Kehle auf. das Schaf zuckte, durch die aufgeschnittene Luftröhre versuchte es zu atmen, es bäumte sich gegen die Fesseln an seinen Füßen auf, der Kampf dauerte höchstens vier Minuten. Dann trennte der Schlachter den Kopf vom Rumpf, schnitt die Füße ab und hängte das Tier auf.

Den Schafen wird die Gurgel durchgeschnitten

Islamische Reinheitsgebote schreiben vor, dass Tiere beim Schlachten völlig ausbluten müssen. Das Schächten ist keine schöne Art zu töten. Aber schön ist es nie.  Viele Muslime hier wissen, dass man im Westen mit Befremden auf diesen Brauch schaut. „Wir machen das ein einziges Mal im Jahr, ein einziges Mal opfern wir nur in Gottes Namen“, erklärte mein Kollege. „Wie viele Tiere werden täglich in den Schlachthäusern dieser Welt getötet und keiner sieht es?“

Das Schächten ist keine schöne Art zu töten

An einem der Bäume trafen wir Samir. Mit einem Messer trennte er Bindegewebe, Fett und Fell von einem Schaf. 10 bis 15 Manat pro Schlachtung bekam er, 15 Tiere hatte er an diesem Tag schon „geschnitten“ wie man hier sagt – kein schlechter Verdienst für einen jungen Mann.

Die Herde verkleinert sich ständig

Der Regen hatte auf den Straßen wahre Seen hinterlassen, Es war, als wolle der Himmel das Blut der Opfertiere so schnell wie möglich aus den Straßen waschen. Für die streunenden Katzen muss dieser Tag ein Festmahl sein.  Ich packte zu Hause meine Fleischtüte aus – darin waren außerdem noch Reis, Tee und Zucker. Zum Abendessen gab es Pilav mit Lamm.

Geschenke zu Qurban Bayrami

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Der Bazar

In Essen, Stadt on 1. November 2011 at 18:38

junger Igel, angeboten auf einem Bazar in Baku

Auf Bakus Märkten wird alles verkauft. In einer kleinen Pappschachtel entdeckte ich zwei kleine stachelige Kugeln. Der Lärm um sie herum, das Gefeilsche um Wellensittiche, Kaninchen und Hühner schien sie nicht zu erreichen. Sie hatten sich so tief es nur irgend ging in die Sägespäne gegraben und versuchten, zu schlafen. Igel sind nachtaktiv und halten Winterschlaf. Das schien dem Verkäufer, einem jungen Mann von vielleicht 25 Jahren nicht geläufig zu sein. Wie alt so ein Tier in der Gefangenschaft wird, wusste er auch nicht. Alles was wie ein süßes Haustier aussieht, findet hier seine Abnehmer.

Händler auf einem Markt in Baku

Um einen Käfig mit zwei auffälig schwarzweißen Hähnen stand ein ganzer Pulk Männer und fachsimpelte. Offensichtlich waren diese beiden keine Kanditaten für den Suppentopf, sondern der ganze Stolz ihres Züchters. Höflich machte man unseren Fotoapparaten Platz.

Prachthähne

Wenn man einen Bazar betritt, irrt man sich leicht in seiner Größe. Von außen sieht es aus wie ein Eingang zu einem einfachen Hof, dahinter aber entfaltet sich oft ein Gewirr von Hallen und Gassen und Hinterhöfen, in dem man sich leicht verlaufen kann. Und hinter jeder Biegung gibt es neue Köstlichkeiten: Flaschenkürbisse, Mandarinen, eingelegtes Gemüse, Fleisch, Fisch, Käse, Gewürze – aber auch Anglerbedarf, Schrauben und gebrauchte Bügeleisen.

Blick über den Obst- und Gemüseteil des Bazars

Und alles wird von freundlichen und gleichzeitig sehr geschäftstüchtigen Verkäufern angeboten. „Möchtest Du Himbeeren, probier sie, sie sind lecker“, ruft es von der einen Seite. „Mandarinen, süß und köstlich“, lockt es von der anderen. Widerstand ist zwecklos.

Auf dem Bazar in Baku

Besonders angetan haben es mir natürlich die lokalen Produkte – und da besonders der Schafskäse. Es gibt ihn in unzähligen Varianten. Trocken, stark und bröselig wird er, wenn er eingenäht in Schafshäute reift. Die prall gefüllten Häute liegen in großen Stapeln in der Markthalle, die Verkäufer lassen ihre Kunden gerne probieren. Dann gibt es eine Variante, die dem griechischen Schafskäse ähnelt, sie reift in Salzlake und lässt sich in dicke Scheiben schneiden. Je nach Geschmack gibt es eine salzigere und eine milde Variante. Und dann gibt es noch einen Schafskäse, den man wohl am ehesten mit einer frischen Büffelmozzarella vergleichen kann: sehr cremig, sehr mild mit ordentlich Fett.

Käse reift in Schafshäuten

Den Käse isst man hier unter anderem mit Lavash – das ist ein sehr sehr dünnes Fladenbrot. Dazu gibt es eingesalzenes Gemüse, frisches Gemüse, Wurst oder anderes Fleisch. – lecker!

Käse reift hier in der Schafshaut

Statt in Supermärkte gehen die meisten Menschen hier auf Basare wie diesen. Die Preise sind niedriger, die Auswahl ist riesig und die Qualität ist – soweit ich das beurteilen kann, gut. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Orte nicht auch dem Bakuer Modernisierungswahnsinn zum Opfer fallen. Es wäre nicht nur ein kultureller, sondern auch ein ästhetischer Verlust.

Köstlichkeiten auf dem Bazar in Baku

Konsequenter Fleischgenuss

In Essen on 22. Oktober 2011 at 17:02

Eine Kollegin von mir wohnt weiter draußen am Stadtrand von Baku. Das neue und reiche Baku ist hier noch inicht wirklich angekommen. Hier stehen noch Feigenbäume am Straßenrand, in den offenen Markthallen wird mit allem gehandelt, was man für das tägliche Leben braucht und nach Feierabend herrscht hier noch hektische Betriebsamkeit. In einem Geschäft sah ich im Vorüberfahren Karpfen in einem Bassin ihre letzten Runden drehen – alles frisch, alles gut.

Es war schon dunkel, als wir neben dem Wohnhaus besagter Kollegin ausstiegen. Wir gingen noch in ein Geschäft, um etwas Mehl und Eier zu besorgen und beim Verlassen sah ich, dass man der Ecke ein Kalb angebunden hatte. „Was macht die Kuh hier?“, fragte ich. „Ach, die zerschneiden sie morgen“, meinte meine Kollegin. Und richtig, am nächsten Morgen, nachdem ich kleine Pfannkuchen mit Sahne und Marmelade gefrühstückt hatte, war von dem armen Tier nicht mehr viel übrig.

Was der Schlachter übrig ließ

Ähnliche Stilleben kann man an vielen Orten der Stadt bewundern.   Angeblich sind diese Straßenschlachtereien nicht immer legal und auch nicht sehr hygienisch. Immerhin wird das Tier auf der Straße getötet und zerlegt. Und während das Blut in den Rinnstein fließt, wird das Fleisch am selben Ort  zum Verkauf aufgehängt und ausgestellt. Abends würde ich das auch nicht mehr kaufen wollen. Der allgegenwärtige Wind trägt in Baku ja immer so einiges mit sich, das an frischem Rindfleisch bestimmt hervorragend klebt.

Wenn man Berichten der Zeitung „Zerkalo“ glauben soll, ist Fleisch aus der Kühltheke aber auch nicht viel besser, denn es kommt immer wieder zu Stromausfällen in Baku – Adieu du schnöde Kühlkette.  Die Zeitung schreibt, im vergangenen Jahr seien mehr als 800 kg verdorbenes Rind- und Lammfleisch und mehr als 1.000 kg Geflügel von den Behörden aus dem Verkehr gezogen worden. Das Blatt plädiert dafür,die illegalen Schlachtereien abzuschaffen. Ich aber fände das fast schade. Denn wo bekommt der urbane Mensch heute noch vor Augen geführt, dass wer Fleisch essen will, auch töten muss?