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Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

Demonstrieren kostet Freiheit

In Allgemein, Gesellschaft on 27. Januar 2013 at 22:02

An einer Demonstration teilzunehmen, kann teuer werden. Besonders in Aserbaidschan. Bis zu 2.500 Manat mussten Teilnehmer an der gestrigen Demo zahlen. Sie gehören zu den rund 40 Personen, die gestern festgenommen wurden, weil sie an der Aktion teilnahmen (Für die es selbstverständlich keine behördliche Genehmigung gab). Ein Manat entspricht in etwa einem Euro. Viel Geld also, vor allem bei den landesüblichen Löhnen.

Insgesamt fünf Aktivisten sollen sogar zu Haftstrafen verurteilt worden sein, darunter ist auch Emin Milli, der 2009 mit dem Esel Video die Regierung Aliev offensichtlich so provoziert hatte, dass man es für nötig hielt, ihn für anderhalb Jahre einzusperren – wegen Hooliganismus. 15 Tage soll er nun ins Gefängnis, vier weitere Aktivisten wurden zu ähnlichen Strafen verdonnert.  Bei Radio Free Europe kann man ein Video der Aktion sehen. Wenn man es genau nimmt, sieht man vor allem Polizei.

Die Sicherheitskräfte sollen wieder einmal unverhältnismäßig brutal vorgegangen sein, zwei junge Frauen sind angeblich im Krankenhaus.

Aber immerhin in die deutschen Medien hat das Thema es mittlerweile geschafft.  Im Herbst sind Präsidentenwahlen. Hoffentlich denkt man hierzulande dann nicht nur an unseren eigenen Wahlkampf.

Zur Erinnerung: Es ging darum, die Menschen in Ismailly zu unterstützen, die seit Tagen für die Absetzung des Gouverneurs und Gerechtigkeit demonstrieren.

Ist das der Frühling?

In Allgemein, Gesellschaft on 25. Januar 2013 at 23:01

In Ismailly ist seit zwei Tagen der Teufel los. Menschenrechtler sprechen von einem „Ausnahmezustand“, Facebook soll zumindest zeitweise deaktiviert worden sein. In der Stadt im Norden Aserbaidschans kommt es immer wieder zu Demonstrationen, die Polizei soll hart durchgreifen, es gibt Berichte von Misshandlungen durch Sicherheitskräfte, Journalisten wurden an ihrer Arbeit gehindert. Die Menschen auf der Straße fordern unter anderem den Rücktritt des Gouverneurs.

Was ist passiert? Am Mittwoch Abend gab es in Ismailly einen Autounfall. Ein angetrunkener Hotelbesitzer kollidierte in seinem SUV (angeblich) mit einem lokalen Taxi. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den Anwohnern, aus dem Grüppchen ist wohl eine Menge geworden und am Ende standen das Hotel, mehrere teure Autos der Gäste sowie eine Reihe Motorräder in Flammen.

Die Polizei war zunächst einmal hilflos und musste Verstärkung aus umliegenden Städten und vor allem Baku anfordern. In der Zwischenzeit zog die aufgebrachte Menge weiter in Richtung Wohnsitz des Gouverneurs und versuchte, den ebenfalls zu stürmen. Da hatte der Mann mit seiner Familie die Stadt bereits verlassen. „Rücktritt“ skandierte die Menge und immer wieder „Freiheit“.  In Baku rückte die Bereitschaftspolizei aus, Facebooknutzer rechneten aus wie lange sie nach Ismailly brauchen würden und wünschen den Demonstranten bis dahin alles Gute.

Die Sicherheitskräfte haben hart zugelangt. Die ersten Verhaftungen begannen schon am nächsten Morgen, was wiederum zu erneuten Protesten führte und zum massiven Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen, während die Demonstranten einen Regen aus Steinen auf die teilweise ziemlich überforderten Polizisten niedergehen ließen. Hohe Beamte reisten angeblich nach Ismailly und forderten die Demonstranten auf, Vertreter zu schicken, mit denen man verhandeln könne. Die Verhandlungen sind aber angeblich nicht zufriedenstellend verlaufen, denn eingeladen waren dann wohl doch nur Angestellte im öffentlichen Dienst und von staatlichen Unternehmen.

Und seitdem ist alles völlig unklar. In Nachbarstädten wie Gabbala sollen die Behörden mittlerweile auch schon in erhöhter Alarmbereitschaft sein, in Baku ist für morgen Nachmittag eine große Demonstration angekündigt, selbst in London wollen Aserbaidschaner vor der Botschaft ihres Landes demonstrieren.

Und was tun die Verantwortlichen im Lande? Im vergangegen März hatte ein ähnlicher Aufstand in Quba den örtlichen Gouverneur sein Amt gekostet.  Der Gouverneur von Ismailly dagegen will von Rücktritt nichts wissen. Er werde sich seine politische Zukunft nicht von einer Minderheit diktieren lassen, sagt er in die Mikrofone und außerdem gehe es hier doch nur um die Folgen eines Autounfalls, die Leute sollten sich beruhigen.

Was andere sagen: Noch in den ersten Berichten zu dem Zwischenfall wurde behauptet, dass in den Unfall von einem Neffen des Gouverneurs verwickelt war, der junge Mann sei zudem Sohn eines Kabinettsmitgliedes. Dem Clan der Alakbarovs soll in Islamilly so einiges gehören, unter anderem auch das Hotel, das den Bewohnern von Ismailly schon lange ein Dorn im Auge war, denn es soll sich dabei um ein Bordell gehandelt haben.  Überhaupt soll sich die Gewalt zu Anfang vor allem gegen Dinge gerichtet haben, die den Alakbarovs gehörten – darunter eine Villa und mehrere Geschäfte. Die Behörden bestritten sehr schnell, dass ein Alakbarov am Steuer des Unfallwagens saß und der Gouverneur bestritt, irgendwelche familiären Verbindungen zu dem Hotel zu haben – überhaupt gehöre ihm in Ismailly so gut wie nichts.

Was ist das jetzt also: arabischer Frühling in Aserbaidschan? Ich bin mir nicht so sicher. Wenn, dann wird es ein sehr unorganisierter Frühling. Ich kenne keine politische Bewegung, die derzeit im Stande wäre, die sehr konservative und anscheinend auch sehr unzufriedene Provinz-Bevölkerung hinter sich zu scharen. Andererseits kann eine solche Bewegung auch noch entstehen. Und dann natürlich die interessante Frage: Was machen die Nachbarländer? Armenien, Russland, Türkei, Iran, die haben alle ihre eigenen Pläne für das kleine Land. Und nicht zuletzt Europa… In amerikanischen Medien habe ich von den Unruhen gelesen – in europäischen Medien? Nichts.

Kritiker aus der Mitte der Gesellschaft

In Allgemein, Gesellschaft, Religion on 27. Juni 2012 at 13:43

Es ist ein so schönes Beispiel dafür, was alles schiefgehen kann im Leben eines Politikers: Da schreibt ein Schweizer Lokalpolitiker mit offenbar recht wenig technischem Verständnis von Twitter eine Nachricht und wünscht sich darin eine neue Kristallnacht, diesmal aber für Moscheen.  Und dann liest das jemand und findet das weder lustig noch irgendwie angebracht. Und als der gute Mann dann auch noch versucht, die Geschichte zu leugnen, fällt sie ihm mit Karacho auf die Füße und zwingt ihn zum Rücktritt. (no puns intended). Der Mann heißt Alexander Müller und es ist nicht sein erster „islamkritischer“ Fehltritt.  In seinem Blog findet sich noch mehr. (Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass auch das Christentum bei ihm nicht besonders gut wegkommt).

Nun sind ja Äußerungen von der Art des Herrn Müller nicht Neues mehr. Man schaue nur einmal bei PI vorbei. Worin sich all diese selbsterklärten Aufklärer und Retter der abendländischen Kultur bei aller Hetze aber einig sind, ist, dass sie selbstverständlich keine Rechtsextremen sind und dass sie selbstverständlich nicht mit Nazis sympathisieren. Als Beweis dafür wird dann die große Verbundenheit mit Israel im Allgemeinen und dem Judemtum im Speziellen angeführt. Beispiel: Die Pro-Bewegung in Deutschland. Das Problem daran: Ob jemand rechtsextremes Gedankengut hat oder rechtsextrem ist, legt er nicht selbst fest. Man kann nicht hingehen und fordern, dass alle Muslime oder alle Ausländer oder alle Illegalen rausgeschmissen werden, man kann sie nicht mit pauschalisierenden Schimpfwörtern bezeichnen und dann sagen „Ich bin nicht rechtsextrem, von faschistischem Gedankengut distanziere ich mich“.  So einfach ist das  nicht.

Und weil Islamkritiker ihre „objektiven“ Interpretationen gerne mit Koransuren belegen, sei ihnen hier mit einem Zitat aus der Bibel geantwortet, das bei Matthäus im siebten Kapitel steht:

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.

Die Früchte der Islamkritik sind Vorurteile, Ängste und damit auch eine zunehmende Trennung in „wir“ und „die“. Sie hat dazu geführt, dass es heute salonfähig ist zu sagen, der Islam sei mit der Demokratie nicht zu vereinbaren, oder der Islam akzeptiere keine Religionsfreiheit. Dass das ausgerechnet hier in Europa gesagt wird, dem Teil der Erde, der Jahrhunderte lang damit beschäftigt war, seine jüdische Bevölkerung zu massakrieren, auszuplündern, zu getthoisieren und aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, das ist schon peinlich.  Aber man will ja unbedingt aus den Fehlern gelernt haben und hasst jetzt lieber Muslime. Hass aber bleibt Hass. Und zu behaupten, der Islam sei mit unserer Gesellschaft nicht kompatibel, weil ein paar islamistische Spinner das glauben und sich dabei auf den Koran beziehen, ist genauso schlau und aufklärerisch, wie die Behauptung, das Christentum sei mit unserem Gesellschaftssystem nicht kompatibel, weil es ein paar Verrückte gibt, die nur die Bibel als Gesetz ansehen, ihre Kinder aus der Schule nehmen, die Prügelstrafe befürworten, Mädchen in lange Röcke zwingen und sie auf ihre Aufgaben als treusorgende Mütter und Ehefrauen vorbereiten. Wenn sich hier jemand als „Christentumkritiker“ hinstellte, er würde ausgelacht.  Islamkritiker dagegen dürfen in Talkshows. Aber sie tun nur so, als sei es innovativ und mutig zu sagen, was sie sagen und zu denken, was sie denken. Es ist im Gegenteil kleinlich, oberflächlich, spießürgerlich und ja, auch rechtsextrem.

Ein fruchtbarer Dialog über die Werte unserer Gesellschaft findet nicht statt. Dabei wäre es mal an der Zeit, Fragen zu stellen. Welchen Stellenwert wollen wir Fremden bei uns einräumen? Was erwarten wir von ihnen und was sollen sie von uns erwarten können? Worüber sind wir nicht bereit, zu verhandeln und warum eigentlich nicht? Wie viel Veränderung können wir ertragen? Wie viel Veränderung hat bereits stattgefunden? Wie wollen und können wir damit umgehen? Wer sind „wir“ eigentlich und wenn ja, wie viele?

Ich habe den Eindruck, die meisten Islamkritiker halten diese Fragen bereits für beantwortet – und zwar mit einem Dreiklang aus: „Das haben wir noch nie so gemacht.“, „Das haben wir schon immer so gemacht.“ und „Da könnte ja jeder kommen.“

Dazu gesellen sich dann meist auch noch nationalistisch-patriotische Äußerungen und es gehört schon fast zum guten Ton, politisch Andersdenkende verächtlich als „Gutmenschen“ oder  „linke Chaoten“ zu bezeichnen, die eines Tages schon merken werden, wie schwerwiegend ihr Irrtum war. In der Vorstellung des Herrn Müller aus der Schweiz wäre das spätestens dann der Fall, wenn all diejenigen, die ihm nicht passen, an die Wand gestellt werden. Auch darüber hatte er in seinen Tweets phantasiert. Aber das war bestimmt auch nicht rechtsextrem, sondern überhaupt nicht so gemeint.

 

Aserbaidschanisches Spiel

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 25. November 2011 at 12:51

Es gibt Menschen, die bezeichnen das Leben als Spiel und den Mensch als homo ludens.

Und Du willst in diesem Spiel vorankommen? Hast Du einen reichen Vater? Hat Deine Mutter vielleicht einen Onkel im Innenministerium? Gehört Deinem Cousin dritten Grades vielleicht eine Fabrik? Kurz, hat in Deiner Familie irgendjemand irgendwo irgendetwas zu sagen? Fein! Dann gehe bitte sofort auf die Parkstraße und in die Schlossallee und baue Hotels. Geld brauchst Du keines. Gehören müssen Dir die Straßen auch nicht. Du hältst ein Papier hoch auf dem steht, dass Du das darfst. Und dann lässt Du Deinen Onkel oder Deine Tante oder Deinen Cousin  oder gleich die ganze Brut dort immer umsonst drüberlaufen und das ist der Preis, den du zahlst.

Ansonsten bist Du damit beschäftigt, direkt über Los zu gehen und 4.000 einzuziehen. Wenn Du eine Ereigniskarte ziehst, dann ist es die „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“– Karte. Die darfst Du übrigens auf der Hand behalten.  Das Leben ist ein großer Gutschein und Du füllst ihn aus.

Blick in ein Wohnhaus mit Durchgang zum Hof

Bleibt nur zu hoffen, dass Du nicht zu denen gehörst, die in der Schlossallee wohnen. Denn dann wird dir eines Tages jemand Dein Haus über dem Kopf abreißen. Du willst Dich wehren? Du ziehst eine Ereigniskarte: „Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie nicht über Los, Ziehen Sie keine 4.000 ein.“  Du sitzt. Weil Du dich gegen die Polizei gewehrt hast. Wegen Hooliganismus, wegen Drogenhandels. Du willst das vermeiden, vielleicht weil Du Familie hast? Dein Gegenspieler bietet Dir einen lukrativen Deal an:  Du verkaufst Deine Wohnung an seinen Fahrer, der Fahrer zahlt weit unter Marktpreisen und ist ganz aus Stroh. Mit dem Geld ziehst Du in die Badstraße und musst nun in jeder Runde einen Haufen Geld zahlen um zur Arbeit zu kommen, denn dummerweise bist Du Schalterbeamte am Hauptbahnhof.

Blick in Hauseingang mit Beleuchtung

Oder Dein Gegenspieler bietet Dir eine Wohnung an. Die Wohnung hat der Cousin Deines Gegenspielers gebaut, der muss ja auch von etwas leben. Leider hat der Cousin vergessen, sich für das Gebäude eine technische Zulassung zu besorgen. Jetzt weißt Du also nicht, ob Dein neues Zuhause beim nächsten Erdbeben auch gleich Dein Grab wird. Außerdem existiert ein nicht zugelassenes Gebäude juristisch gesehen gar nicht – Du bekommst also auch keinen Nachweis, dass Deine neue Wohnung Dir tatsächlich gehört.

Im Novemer

Du hast verloren, wenn Dir nichts mehr gehört.

Es ist ja früher nicht alles schlecht gewesen…

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 8. November 2011 at 09:19

Sowjetische Nachbarschaft

Dieses Foto wollte ich schon seit Ewigkeiten machen. Der kleine – mittlerweile stillgelegte – Springbrunnnen steht in einem Innenhof aus sowjetischer Zeit. Von vier Seiten wird er eingefasst von 5-geschossigen Appartementblocks aus der Zeit der Sowjets.  Und was assoziiere ich mit dieser Zeit? Graue Fassaden, freudlose Gesichter, lange Schlangen vor den Geschäften und vor allem Angst vor Geheimdiensten, politischen Zeloten und Spitzeln. Und dann das: Da hat doch tatsächlich ein Architekt eine Art sozialen Treffpunkt geschaffen, ein Stück Nachbarschaft. Auf Kindergröße, in Kinderfarben.

Es war einmal ein Treffpunkt

Ich will hier ja nichts beschönigen, aber vielleicht war wirklich damals nicht alles schlecht? Mein Viertel war definitiv einmal für die etwas gleicheren des Apparates gedacht – und die konnten immerhin auf Springbrunnen setzen. Weiter draußen, da wo die wirklich arbeitende Bevölkerung lebt, ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Was sollen auch Menschen mit einem Springbrunnen, die morgens in Herrgottsfrühe das Haus verlassen, Abends spät zurückkommen und es dann höchstens noch bis zum Fernseher schaffen? Springbrunnen für die einen – nackte Wohnblöcke für die anderen? Die Geschichte wiederholt sich.

Qurban Bayrami- Das Opferfest

In Essen, Gesellschaft, Religion, Stadt on 7. November 2011 at 09:46

In diesem Post werden Schafe geopfert. Dafür wird ihnen die Gurgel durchgeschnitten. Zartbesaitete Leser seien hiermit gewarnt.

Koran, 37. Sure:

102. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): «O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, daß ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?» Er antwortete: «O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Allah will, standhaft finden.»

103. Als sie sich  beide ( Gott)  ergeben hatten und er  ihn mit der  Stirn gegen den Boden hingelegt hatte,

104. Da riefen Wir ihm zu: «O Abraham,

105. Erfüllt hast du bereits das Traumgesicht.» Also lohnen Wir denen, die Gutes tun.

106. Das war in der Tat eine offenbare Prüfung.

107. Und Wir lösten ihn aus durch ein großes Opfer.

108. Und Wir bewahrten seinen Namen unter den künftigen Geschlechtern.

109.  Friede  sei auf  Abraham!

Qurban Bayrami nennt man das Opferfest hierzulande, es ist neben dem Ende des Ramadans das höchste religiöse Fest im Islam.

Der Tag begann mit Regen und jetzt, am nächsten Morgen ist der Regen ohne Unterbrechung in Schnee übergegangen. Am Eingang der Moschee begrüßte uns der Sheikh. Ein Mann um die 50 mit einem freundlichen Gesicht, kurzem Bart und einem langen braunen Umhang über dem weißen Hemd. Zum Gebet kamen vielleicht 50 Männer, die Frauen beteten in einem seperaten Raum. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass sich jemand bei mir dafür bedankt hat, dass ich mit bedecktem Haupt sein Gotteshaus betreten habe.

Feiertagsgebet zum Opferfest in der Altstadt von Baku

Für die Schülerinnen der Frauen-Medresse bedeutet das Opferfest auch das Ende ihres Schuljahres.  An der Koranschule lernen sie zunächst Arabisch lesen und aussprechen, dann folgen Farsi und Englisch. Frauen aller Altersklassen versammelten sich in einem kleinen fensterlosen Raum. Der Boden war mit Teppichen bedeckt, die Schülerinnen knieten auf dem Boden und die Lehrerin sprach meinetwegen auf Russisch. Sie erzählte vom Opferfest, vom Glauben Abrahams, der seinen Gott so sehr liebte, dass er bereit war, ihm seinen Sohn zu opfern, von der Güte Gottes, der Abrahams Glauben erkannte und ihm anstelle des Sohnes ein Schaf zu opfern gab, das Abraham in seinem Namen schlachten sollte. „Selbst für das Schaf“, schloss die Lehrerin, „ist es die größte Ehre, als Opfertier an Qurban Bayrami zu sterben.“

Eingang zur Frauen-Koranschule

Wer es sich leisten kann, der lässt zum Opferfest ein Schaf schlachten oder schlachtet selbst. Eine Hälfte des Fleisches ist für den Opfernden, die andere wird in sieben Teile geteilt und unter Verwandten, Freunden und vor allem den Bedürftigen verteilt. Eine riesige Menge Plastiktüten wurden plötzlich in die Medresse hereingereicht und verteilt, auch ich bekam einen jener geheimnisvollen schwarzen Säcke überreicht, darin, das sah man schon beim ersten Blick , ein siebentel von einem halben Schaf. Abzulehmen war keine Option, mit etwas Verhandlungsgeschick konnte ich eine weitere Tüte von mir abwenden.

Insgesamt hat die Verwaltung in Baku sieben offizielle Schlachtplätze eingerichtet. Dort sind die Fleischpreise kontrolliert und das Schlachten geschieht unter der Aufsicht von Veterinären und Gesundheitsbehörden. Aber das subventionierte Fleisch dort reicht nicht. Auf einem Grünstreifen an einer großen Straße im Nordosten von Baku wurde schwarz geschlachtet. An der Zufahrt stand ein Polizeiauto, vor unangemeldeten Kontrollen brauchte sich also keiner zu fürchten. Der Regen hatte aus dem Untergrund mittlerweile Schlamm gemacht, an den Bäumen hingen tote Schafe, denen das Fell abgezogen wurde, überall waren Lachen frischen Blutes, der Boden war so nass, dass es nicht versickerte.

Opfertier unmittelbar vor der Schlachtung

Nebenan war ein kleines Areal abgezäunt, in dem eine sich ständig verkleinernde Herde an etwas feuchtem Heu kaute. Immer wieder wurde ein Schaf mehr oder weniger sanft herausgezogen. Nur einmal sah ich, dass die Opfernden noch einmal einige Suren aus dem Koran lasen, dann band der Schlachter dem Tier die Beine zusammen, wetzte sein Messer und schnitt dem Tier die Kehle auf. das Schaf zuckte, durch die aufgeschnittene Luftröhre versuchte es zu atmen, es bäumte sich gegen die Fesseln an seinen Füßen auf, der Kampf dauerte höchstens vier Minuten. Dann trennte der Schlachter den Kopf vom Rumpf, schnitt die Füße ab und hängte das Tier auf.

Den Schafen wird die Gurgel durchgeschnitten

Islamische Reinheitsgebote schreiben vor, dass Tiere beim Schlachten völlig ausbluten müssen. Das Schächten ist keine schöne Art zu töten. Aber schön ist es nie.  Viele Muslime hier wissen, dass man im Westen mit Befremden auf diesen Brauch schaut. „Wir machen das ein einziges Mal im Jahr, ein einziges Mal opfern wir nur in Gottes Namen“, erklärte mein Kollege. „Wie viele Tiere werden täglich in den Schlachthäusern dieser Welt getötet und keiner sieht es?“

Das Schächten ist keine schöne Art zu töten

An einem der Bäume trafen wir Samir. Mit einem Messer trennte er Bindegewebe, Fett und Fell von einem Schaf. 10 bis 15 Manat pro Schlachtung bekam er, 15 Tiere hatte er an diesem Tag schon „geschnitten“ wie man hier sagt – kein schlechter Verdienst für einen jungen Mann.

Die Herde verkleinert sich ständig

Der Regen hatte auf den Straßen wahre Seen hinterlassen, Es war, als wolle der Himmel das Blut der Opfertiere so schnell wie möglich aus den Straßen waschen. Für die streunenden Katzen muss dieser Tag ein Festmahl sein.  Ich packte zu Hause meine Fleischtüte aus – darin waren außerdem noch Reis, Tee und Zucker. Zum Abendessen gab es Pilav mit Lamm.

Geschenke zu Qurban Bayrami

Der Reichtum der einen…

In Gesellschaft on 30. Oktober 2011 at 14:39

Wenn ich erst wieder zu Hause bin, werde ich reich sein, unsagbar reich. Denn komme ich morgens zur Arbeit, achte ich peinlich genau darauf, meine Tasche nicht auf den Fußboden zu stellen. Und wenn in meiner Teetasse kurz nach dem Einschenken kleine Schaumbläschen an der Oberfläche schwimmen, stecke ich meinen Finger hinein und berühre dann meine Stirn. – Für mich ist das alles ein Spiel. Aber wäre es nicht schön, wenn es tatsächlich so einfach wäre? Wenn es reichte, irgendwelchen lokalen Aberglauben nachzurennen?  Dann würden in diesem Land vielleicht nicht so viele junge Menschen davon träumen, auszuwandern – und sei es auch nur für ein paar Jahre, um zu studieren, Geld zu verdienen, frei zu sein.

Marmelade gehört hier nicht aufs Brot, sondern begleitet den Tee

Fast alle Frauen und Männer meiner Generation, die ich bislang getroffen habe, erzählen mir von ihren Plänen, irgendwann, demnächst oder bald ins Ausland zu gehen. Am liebsten nach Amerika oder Europa und wenn das nicht klappt, dann in die Türkei oder wenigstens Russland.  Dabei ist Aserbaidschan doch gerade im Begriff, sich ganz neu zu erfinden, an allen Ecken und Enden entstehen neue Prachtbauten, dass hier das große Geld zu Hause ist, sieht man in der Innenstadt von Baku an jeder Straßenecke.

Innenstadt von Baku

Aber der Reichtum aus Öl und Gas ist nicht für die Massen. Wenn das normale Gehalt eines Beamten (ohne Schmiergelder) bei etwa 180 Euro liegt, wovon soll man dann träumen? Alles wird unerreichbar: Eine eigene Wohnung zu kaufen oder zu mieten, schöne Klamotten, Auslandsreisen, Nachtleben, Alltagsluxus. Selbstverständlich kann man das alles hier bekommen. Die ganze Innenstadt ist voll von westlichen Modeketten: Benetton, Zara, Mango, Accessorize, alle haben mindestens eine Filiale in Baku Downtown.

Ölfeld vor den Toren von Baku

Die Preise in den Läden der Innenstadt sind etwa so hoch wie bei uns in Deutschland, ein Kilo Fleisch kostet etwas mehr als acht Euro und auch Supermärkte sind nicht wirklich billiger als bei uns. Also kaufen die meisten Menschen auf Märkten, bei fliegenden Händlern und auf dem Basar, über den ich an geeigneter Stelle noch ausführlicher schreiben muss. Dort kann man sich günstig einkleiden, bekommt für wenig Geld Obst und Gemüse und alles, was man sonst so zum Leben braucht.

Sedelek Bazar

Aber es ist ein Leben von der Hand in den Mund. Kinder groß zu ziehen, sie durch Schule und Universität zu bringen – das ist bei diesen Verhältnissen eine echte Leistung und verbunden mit einer Menge harter Arbeit und Verzicht. Dass die Menschen hier trotz aller Schwierigkeiten so unglaublich höflich, offen und gastfreundlich sind, dafür bewundere ich sie aufrichtig.