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Archive for the ‘Stadt’ Category

Olympia in Baku?

In Allgemein, Bauindustrie, Stadt on 23. Februar 2012 at 16:22

Für Größenwahn gibt es bekanntlich kein Ende. Wundern muss man sich also nicht über die Olmpia-Bewerbung von Baku. Aber ein bisschen Sorgen macht man sich schon. Ich habe mir gerade das Bewerbungsvideo reingezogen: Baku 2020.

Die Stadt, die da präsentiert wird, kenne ich nicht.  Das Imponiergehabe , das eitle Namedropping von Architekten und die supermodernen und superkalten Glasfassaden will ich ehrlich gesagt auch nicht kennen. Ich weiß nicht, was es in einer solchen Stadt noch zu entdecken geben soll.

Und dann diese Anmaßungen: Sich „Paris des Ostens“ zu nennen, fällt auch nur Leuten ein, die Dubai für das „München Arabiens“ halten.  Die Metro „ultramodern“ zu nennen, ist angesichts des allgegenwärtigen Sowjetcharmes einfach eine Unverschämtheit. Warum kann man nicht zu den Dingen stehen wie sie sind? Was ist verkehrt an einer Metro, die ihren Pendants in Moskau, Petersburg oder Minsk in nichts nachsteht und besser funktioniert als manche U-Bahn hier?

Nichts ist in diesem Video zu sehen vom echten Baku, von dem Baku in dem die Menschen leben, von den Wohnsiedlungen, den Märkten, den Straßen der Gründerzeitstadt. Selbst die Altstadt wird in diesem Video zu einer Art Disneyland mit Teppichen und Sandstein.

„Authentische und inspirierende“ Spiele soll es geben. Aber nichts von dem was das Video verspricht ist authentisch oder auch nur inspirierend. Es ist genaugenommen alles sehr traurig: Eine Stadt, die sich von fremden Architekten neu erfinden lässt, aber selbst keinen Bebauungsplan hat, in der Altes nur dann als wertvoll erkannt wird, wenn jemand von der Unesco vorbei kommt und ein Prädikat draufklebt.

Ob die olympischen Spiele irgendetwas für die Menschen in Aserbaidschan ändern werden? Ich glaube nicht recht daran. Klar, es gibt viel kritische Berichterstattung und Unterstützung für Aktivisten vor Ort. Das sieht man jetzt auch beim Eurovision Songcontest. Aber genauso wie bei dem Popwettbewerb, ist das Internationale Olympische Komitee letztlich an schönen, ruhigen und möglichst unpolitischen Spielen interessiert. Das Spektakel soll im Stadion und nicht auf der Straße stattfinden. So ist der Westen nämlich auch: Meistens hat er zwar etwas gegen Diktatoren, aber wenn er bei ihnen zu Gast ist, ist es ihm peinlich, wenn das Volk ihn um Hilfe bittet.

Gönne ich den Menschen in Aserbaidschan die Olympischen Spiele? Ja, den Menschen gönne ich sie. Der Regierung aber nicht. Hunderte Millionen würden wieder in irgendwelchen tiefen Taschen verschwinden, Geld, das eigentlich für Schulen, Universitäten, die Krankenversicherung oder Straßen ausgegeben werden müsste. Dissidenten würden mundtot gemacht und das alles für ein paar Fototermine und ein bisschen Glamour.

Ich wünsche mir, dass das IOK genau aus diesem Grund die Bakuer Bewerbung zurückgehen lässt.

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Jugendstil in Baku

In Bauindustrie, Stadt on 3. Dezember 2011 at 20:44

Eingang zur Schatzkiste

Gestern bin ich mehr oder weniger zufällig in eine Art Photo-Rausch geraten. Unterwegs in einem der Viertel, die abgerissen werden sollen, habe ich mich auf die Suche nach Jugendstil gemacht und habe mehr gefunden als ich mir ausgemalt hatte. Einfach in offene Hauseingänge gegangen, die Treppen hinauf und Fotos gemacht. Es gibt da unglaubliche Schätze zu entdecken – einfach unglaublich!

Allein so ein Geländer zu besitzen

Es scheint das Schicksal des Jugendstils zu sein, dass er erst dann gewürdigt wird, wenn es ihn nicht mehr gibt. Auch in Europa hat man nach dem Krieg den Stuck von Jugendstil-Fassaden abgeschlagen, die Decken in den Wohnungen abgehängt und zog es vor, hinter Fenstern in Standardgröße zu leben, in Wohnungen, die mit einem Schuhkarton mehr Ähnlichkeit hatten als mit einer menschlichen Behausung. Wenn man so will, ist der Jugendstil bei uns dem engstirnigen Spießertum zum Opfer gefallen. Hier in Baku fällt er dem Mangel an Bildung zum Opfer. Einer sehnsüchtigen Vorstellung vom Westen, die sich aus kitschigen Musikvideos, amerikanischen Filmen und türkischen Seifenopern speist. Und golden glitzernde Badewannen mit Glaskristallen passen einfach nicht so recht in Badezimmer, die aus einer Zeit sind, die die Wellnessoase noch nicht kannte, in der mit Öfen geheizt wurde und in der Stuckateur noch ein echter Beruf war.

Sogar die Originalfarbe ist noch da

In Deutschland weiß man die Wohnungen dieser Zeit mittlerweile zu schätzen. In Aserbaidschan scheinen die Reichen aber immer noch in einer Art Barbie-Welt zu leben. Diejenigen, die in den Jugendstil- Häusern wohnen, wissen sehr wohl, was sie an ihnen haben.

prunkvoller Jugenstileingang

Hier beispielsweise traf ich Lala, die mich auf ihr Dach einlud. Dort hat es vor einer Woche gebrannt. Die Bewohner glauben, dass es kein Zufall war, dafür habe die Feuerwehr zu lange gebraucht.

ausgebrannter Dachstuhl

Nun regnet es in die Wohnungen in der vierten Etage hinein.  – Kurze Randbemerkung: Es handelt sich hier um ein typisches Bakuer Altstadthaus: ursprünglich hatte es drei Etagen, zu Sovietzeiten wurde dann eine weitere Etage draufgesetzt. So wurde es mit fast allen Häusern gemacht. Lala sagt, ihr Haus habe eine wunderbare Atmosphäre, es sei einfach ein freundliches Gebäude. Aber nun habe das Löschwasser im ganzen Haus schwere Schäden verursacht. Es gibt hier staatliche Einrichtungen, die sich um die Instandhaltung von Wohnhhäusern kümmern, die aber tun nichts.

Zufallsfund

Lala erzählte, dass früher viele dieser Häuser innen ausgemalt waren, unter anderem habe es riesige Porträts ihrer Besitzer gegeben. Diese seien dann unter den Soviets übermalt worden. Doch nach der Unabhängigkeit seien viele dieser Bilder wieder entdeckt worden.  Und nun? Blättert die Farbe von den Wänden, werden die Gebäude so lange vernachlässigt, bis man sie abreißen muss. Es ist zum Heulen.

Eingangstür

Aserbaidschanisches Spiel

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 25. November 2011 at 12:51

Es gibt Menschen, die bezeichnen das Leben als Spiel und den Mensch als homo ludens.

Und Du willst in diesem Spiel vorankommen? Hast Du einen reichen Vater? Hat Deine Mutter vielleicht einen Onkel im Innenministerium? Gehört Deinem Cousin dritten Grades vielleicht eine Fabrik? Kurz, hat in Deiner Familie irgendjemand irgendwo irgendetwas zu sagen? Fein! Dann gehe bitte sofort auf die Parkstraße und in die Schlossallee und baue Hotels. Geld brauchst Du keines. Gehören müssen Dir die Straßen auch nicht. Du hältst ein Papier hoch auf dem steht, dass Du das darfst. Und dann lässt Du Deinen Onkel oder Deine Tante oder Deinen Cousin  oder gleich die ganze Brut dort immer umsonst drüberlaufen und das ist der Preis, den du zahlst.

Ansonsten bist Du damit beschäftigt, direkt über Los zu gehen und 4.000 einzuziehen. Wenn Du eine Ereigniskarte ziehst, dann ist es die „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“– Karte. Die darfst Du übrigens auf der Hand behalten.  Das Leben ist ein großer Gutschein und Du füllst ihn aus.

Blick in ein Wohnhaus mit Durchgang zum Hof

Bleibt nur zu hoffen, dass Du nicht zu denen gehörst, die in der Schlossallee wohnen. Denn dann wird dir eines Tages jemand Dein Haus über dem Kopf abreißen. Du willst Dich wehren? Du ziehst eine Ereigniskarte: „Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie nicht über Los, Ziehen Sie keine 4.000 ein.“  Du sitzt. Weil Du dich gegen die Polizei gewehrt hast. Wegen Hooliganismus, wegen Drogenhandels. Du willst das vermeiden, vielleicht weil Du Familie hast? Dein Gegenspieler bietet Dir einen lukrativen Deal an:  Du verkaufst Deine Wohnung an seinen Fahrer, der Fahrer zahlt weit unter Marktpreisen und ist ganz aus Stroh. Mit dem Geld ziehst Du in die Badstraße und musst nun in jeder Runde einen Haufen Geld zahlen um zur Arbeit zu kommen, denn dummerweise bist Du Schalterbeamte am Hauptbahnhof.

Blick in Hauseingang mit Beleuchtung

Oder Dein Gegenspieler bietet Dir eine Wohnung an. Die Wohnung hat der Cousin Deines Gegenspielers gebaut, der muss ja auch von etwas leben. Leider hat der Cousin vergessen, sich für das Gebäude eine technische Zulassung zu besorgen. Jetzt weißt Du also nicht, ob Dein neues Zuhause beim nächsten Erdbeben auch gleich Dein Grab wird. Außerdem existiert ein nicht zugelassenes Gebäude juristisch gesehen gar nicht – Du bekommst also auch keinen Nachweis, dass Deine neue Wohnung Dir tatsächlich gehört.

Im Novemer

Du hast verloren, wenn Dir nichts mehr gehört.

Es ist ja früher nicht alles schlecht gewesen…

In Bauindustrie, Gesellschaft, Stadt on 8. November 2011 at 09:19

Sowjetische Nachbarschaft

Dieses Foto wollte ich schon seit Ewigkeiten machen. Der kleine – mittlerweile stillgelegte – Springbrunnnen steht in einem Innenhof aus sowjetischer Zeit. Von vier Seiten wird er eingefasst von 5-geschossigen Appartementblocks aus der Zeit der Sowjets.  Und was assoziiere ich mit dieser Zeit? Graue Fassaden, freudlose Gesichter, lange Schlangen vor den Geschäften und vor allem Angst vor Geheimdiensten, politischen Zeloten und Spitzeln. Und dann das: Da hat doch tatsächlich ein Architekt eine Art sozialen Treffpunkt geschaffen, ein Stück Nachbarschaft. Auf Kindergröße, in Kinderfarben.

Es war einmal ein Treffpunkt

Ich will hier ja nichts beschönigen, aber vielleicht war wirklich damals nicht alles schlecht? Mein Viertel war definitiv einmal für die etwas gleicheren des Apparates gedacht – und die konnten immerhin auf Springbrunnen setzen. Weiter draußen, da wo die wirklich arbeitende Bevölkerung lebt, ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Was sollen auch Menschen mit einem Springbrunnen, die morgens in Herrgottsfrühe das Haus verlassen, Abends spät zurückkommen und es dann höchstens noch bis zum Fernseher schaffen? Springbrunnen für die einen – nackte Wohnblöcke für die anderen? Die Geschichte wiederholt sich.

Qurban Bayrami- Das Opferfest

In Essen, Gesellschaft, Religion, Stadt on 7. November 2011 at 09:46

In diesem Post werden Schafe geopfert. Dafür wird ihnen die Gurgel durchgeschnitten. Zartbesaitete Leser seien hiermit gewarnt.

Koran, 37. Sure:

102. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): «O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, daß ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?» Er antwortete: «O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Allah will, standhaft finden.»

103. Als sie sich  beide ( Gott)  ergeben hatten und er  ihn mit der  Stirn gegen den Boden hingelegt hatte,

104. Da riefen Wir ihm zu: «O Abraham,

105. Erfüllt hast du bereits das Traumgesicht.» Also lohnen Wir denen, die Gutes tun.

106. Das war in der Tat eine offenbare Prüfung.

107. Und Wir lösten ihn aus durch ein großes Opfer.

108. Und Wir bewahrten seinen Namen unter den künftigen Geschlechtern.

109.  Friede  sei auf  Abraham!

Qurban Bayrami nennt man das Opferfest hierzulande, es ist neben dem Ende des Ramadans das höchste religiöse Fest im Islam.

Der Tag begann mit Regen und jetzt, am nächsten Morgen ist der Regen ohne Unterbrechung in Schnee übergegangen. Am Eingang der Moschee begrüßte uns der Sheikh. Ein Mann um die 50 mit einem freundlichen Gesicht, kurzem Bart und einem langen braunen Umhang über dem weißen Hemd. Zum Gebet kamen vielleicht 50 Männer, die Frauen beteten in einem seperaten Raum. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass sich jemand bei mir dafür bedankt hat, dass ich mit bedecktem Haupt sein Gotteshaus betreten habe.

Feiertagsgebet zum Opferfest in der Altstadt von Baku

Für die Schülerinnen der Frauen-Medresse bedeutet das Opferfest auch das Ende ihres Schuljahres.  An der Koranschule lernen sie zunächst Arabisch lesen und aussprechen, dann folgen Farsi und Englisch. Frauen aller Altersklassen versammelten sich in einem kleinen fensterlosen Raum. Der Boden war mit Teppichen bedeckt, die Schülerinnen knieten auf dem Boden und die Lehrerin sprach meinetwegen auf Russisch. Sie erzählte vom Opferfest, vom Glauben Abrahams, der seinen Gott so sehr liebte, dass er bereit war, ihm seinen Sohn zu opfern, von der Güte Gottes, der Abrahams Glauben erkannte und ihm anstelle des Sohnes ein Schaf zu opfern gab, das Abraham in seinem Namen schlachten sollte. „Selbst für das Schaf“, schloss die Lehrerin, „ist es die größte Ehre, als Opfertier an Qurban Bayrami zu sterben.“

Eingang zur Frauen-Koranschule

Wer es sich leisten kann, der lässt zum Opferfest ein Schaf schlachten oder schlachtet selbst. Eine Hälfte des Fleisches ist für den Opfernden, die andere wird in sieben Teile geteilt und unter Verwandten, Freunden und vor allem den Bedürftigen verteilt. Eine riesige Menge Plastiktüten wurden plötzlich in die Medresse hereingereicht und verteilt, auch ich bekam einen jener geheimnisvollen schwarzen Säcke überreicht, darin, das sah man schon beim ersten Blick , ein siebentel von einem halben Schaf. Abzulehmen war keine Option, mit etwas Verhandlungsgeschick konnte ich eine weitere Tüte von mir abwenden.

Insgesamt hat die Verwaltung in Baku sieben offizielle Schlachtplätze eingerichtet. Dort sind die Fleischpreise kontrolliert und das Schlachten geschieht unter der Aufsicht von Veterinären und Gesundheitsbehörden. Aber das subventionierte Fleisch dort reicht nicht. Auf einem Grünstreifen an einer großen Straße im Nordosten von Baku wurde schwarz geschlachtet. An der Zufahrt stand ein Polizeiauto, vor unangemeldeten Kontrollen brauchte sich also keiner zu fürchten. Der Regen hatte aus dem Untergrund mittlerweile Schlamm gemacht, an den Bäumen hingen tote Schafe, denen das Fell abgezogen wurde, überall waren Lachen frischen Blutes, der Boden war so nass, dass es nicht versickerte.

Opfertier unmittelbar vor der Schlachtung

Nebenan war ein kleines Areal abgezäunt, in dem eine sich ständig verkleinernde Herde an etwas feuchtem Heu kaute. Immer wieder wurde ein Schaf mehr oder weniger sanft herausgezogen. Nur einmal sah ich, dass die Opfernden noch einmal einige Suren aus dem Koran lasen, dann band der Schlachter dem Tier die Beine zusammen, wetzte sein Messer und schnitt dem Tier die Kehle auf. das Schaf zuckte, durch die aufgeschnittene Luftröhre versuchte es zu atmen, es bäumte sich gegen die Fesseln an seinen Füßen auf, der Kampf dauerte höchstens vier Minuten. Dann trennte der Schlachter den Kopf vom Rumpf, schnitt die Füße ab und hängte das Tier auf.

Den Schafen wird die Gurgel durchgeschnitten

Islamische Reinheitsgebote schreiben vor, dass Tiere beim Schlachten völlig ausbluten müssen. Das Schächten ist keine schöne Art zu töten. Aber schön ist es nie.  Viele Muslime hier wissen, dass man im Westen mit Befremden auf diesen Brauch schaut. „Wir machen das ein einziges Mal im Jahr, ein einziges Mal opfern wir nur in Gottes Namen“, erklärte mein Kollege. „Wie viele Tiere werden täglich in den Schlachthäusern dieser Welt getötet und keiner sieht es?“

Das Schächten ist keine schöne Art zu töten

An einem der Bäume trafen wir Samir. Mit einem Messer trennte er Bindegewebe, Fett und Fell von einem Schaf. 10 bis 15 Manat pro Schlachtung bekam er, 15 Tiere hatte er an diesem Tag schon „geschnitten“ wie man hier sagt – kein schlechter Verdienst für einen jungen Mann.

Die Herde verkleinert sich ständig

Der Regen hatte auf den Straßen wahre Seen hinterlassen, Es war, als wolle der Himmel das Blut der Opfertiere so schnell wie möglich aus den Straßen waschen. Für die streunenden Katzen muss dieser Tag ein Festmahl sein.  Ich packte zu Hause meine Fleischtüte aus – darin waren außerdem noch Reis, Tee und Zucker. Zum Abendessen gab es Pilav mit Lamm.

Geschenke zu Qurban Bayrami

Der Bazar

In Essen, Stadt on 1. November 2011 at 18:38

junger Igel, angeboten auf einem Bazar in Baku

Auf Bakus Märkten wird alles verkauft. In einer kleinen Pappschachtel entdeckte ich zwei kleine stachelige Kugeln. Der Lärm um sie herum, das Gefeilsche um Wellensittiche, Kaninchen und Hühner schien sie nicht zu erreichen. Sie hatten sich so tief es nur irgend ging in die Sägespäne gegraben und versuchten, zu schlafen. Igel sind nachtaktiv und halten Winterschlaf. Das schien dem Verkäufer, einem jungen Mann von vielleicht 25 Jahren nicht geläufig zu sein. Wie alt so ein Tier in der Gefangenschaft wird, wusste er auch nicht. Alles was wie ein süßes Haustier aussieht, findet hier seine Abnehmer.

Händler auf einem Markt in Baku

Um einen Käfig mit zwei auffälig schwarzweißen Hähnen stand ein ganzer Pulk Männer und fachsimpelte. Offensichtlich waren diese beiden keine Kanditaten für den Suppentopf, sondern der ganze Stolz ihres Züchters. Höflich machte man unseren Fotoapparaten Platz.

Prachthähne

Wenn man einen Bazar betritt, irrt man sich leicht in seiner Größe. Von außen sieht es aus wie ein Eingang zu einem einfachen Hof, dahinter aber entfaltet sich oft ein Gewirr von Hallen und Gassen und Hinterhöfen, in dem man sich leicht verlaufen kann. Und hinter jeder Biegung gibt es neue Köstlichkeiten: Flaschenkürbisse, Mandarinen, eingelegtes Gemüse, Fleisch, Fisch, Käse, Gewürze – aber auch Anglerbedarf, Schrauben und gebrauchte Bügeleisen.

Blick über den Obst- und Gemüseteil des Bazars

Und alles wird von freundlichen und gleichzeitig sehr geschäftstüchtigen Verkäufern angeboten. „Möchtest Du Himbeeren, probier sie, sie sind lecker“, ruft es von der einen Seite. „Mandarinen, süß und köstlich“, lockt es von der anderen. Widerstand ist zwecklos.

Auf dem Bazar in Baku

Besonders angetan haben es mir natürlich die lokalen Produkte – und da besonders der Schafskäse. Es gibt ihn in unzähligen Varianten. Trocken, stark und bröselig wird er, wenn er eingenäht in Schafshäute reift. Die prall gefüllten Häute liegen in großen Stapeln in der Markthalle, die Verkäufer lassen ihre Kunden gerne probieren. Dann gibt es eine Variante, die dem griechischen Schafskäse ähnelt, sie reift in Salzlake und lässt sich in dicke Scheiben schneiden. Je nach Geschmack gibt es eine salzigere und eine milde Variante. Und dann gibt es noch einen Schafskäse, den man wohl am ehesten mit einer frischen Büffelmozzarella vergleichen kann: sehr cremig, sehr mild mit ordentlich Fett.

Käse reift in Schafshäuten

Den Käse isst man hier unter anderem mit Lavash – das ist ein sehr sehr dünnes Fladenbrot. Dazu gibt es eingesalzenes Gemüse, frisches Gemüse, Wurst oder anderes Fleisch. – lecker!

Käse reift hier in der Schafshaut

Statt in Supermärkte gehen die meisten Menschen hier auf Basare wie diesen. Die Preise sind niedriger, die Auswahl ist riesig und die Qualität ist – soweit ich das beurteilen kann, gut. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Orte nicht auch dem Bakuer Modernisierungswahnsinn zum Opfer fallen. Es wäre nicht nur ein kultureller, sondern auch ein ästhetischer Verlust.

Köstlichkeiten auf dem Bazar in Baku

Hinter den Fassaden – die schönsten Seiten von Baku

In Stadt on 27. Oktober 2011 at 07:41

Obwohl es in den letzten Tagen mehr geregnet hat als mir lieb sein konnte, wächst mir Baku langsam ans Herz . Ich kann mich nicht lösen von meiner Begeisterung für all die kleinen Hinterhöfe, die den Ortskundigen als Abkürzungen dienen, von den tiefen dunklen Tordurchfahrten, in denen die Obsthändler sitzen und den von frischer Wäsche beschattete Häuserschluchten, durch die die fliegenden Händler ziehen und bunte Plastikeimer zum Kauf anbieten.

Blick in einen Hinterhof

Hinter verschwiegenen Treppenhäusern, in denen die Farbe abblättert liegen eigene kleine Welten. Hier wird gelebt, gefeiert, gehandelt und gestritten. Und immer und überall hängt Wäsche zum Trocknen. Kreuz und quer werden die Leinen gespannt.  Sie laufen alle über kleine Räder, so dass man die trockene Wäsche wieder zu sich heranziehen kann um sie abzunehmen – sehr praktisch das alles. Und so pittoresk.

Innenhof mit Wäscheleinen

Während die meisten der alten Bürgerhäuser zur Straße hin eine mehr oder weniger aufgeräumte Fassade präsentieren, würden ihre Hinterhöfe jedem deutschen Bauingenieur oder Stadtplaner das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Enge der Wohnungen, in denen nicht selten ganze Großfamilien mit mehreren Generationen leben, lässt die Menschen kreativ werden. Da entstehen Balkons, die kurz darauf zu Wintergärten mutieren, die sich kurz darauf zu richtigen Zimmern mausern.

Blick hinter ein Bakuer Wohnhaus

Da man Wohnungen hierzulande eher besitzt als mietet, ist das alles kein Problem. Hausgeld wie in Deutschland gibt es nicht, jeder macht wie er denkt und kann. So entsteht ein buntes Flickwerk aus alten und neuen Gesimsen, Mauern und Stützen. Es herrscht ein Geist fröhlicher Anarchie.  Meine Gastredaktion liegt auch in so einem Hinterhof.  Während aus den Wohnungen nebenan Essensgerüche aufsteigen, wird bei uns in die Tasten gehauen. – Meistens zumindest. Einmal im Jahr aber hat der Chef Geburtstag. Dann wird vor allem getafelt und Geschichten aus der guten alten Zeit machen die Runde.

Aus Alt mach Neu – der Preis des Baubooms

In Bauindustrie, Stadt on 24. Oktober 2011 at 11:59

Heydar Aliyev, der Vater des amtierenden aserbaidschanischen Präsidenten in BronzeHinter dem großen Denkmal für den „nationalen Führer“ Aserbaidschans, Heydar Aliyev, liegt eine der größeren Baustellen Bakus. Genau genommen ist es noch keine Baustelle, denn gebaut wird dort noch nicht. Es existieren eigentlich nur zwei riesige Gruben.

Die traurigen Reste des jüdischen Viertels

An ihrer Stelle stand einmal das jüdische Viertel. Die Häuser müssen irgendwann im 18. bis 19. Jahrhundert gebaut worden sein.  Damals erlebte Baku seinen ersten Ölboom. Juden aus Südrussland und der Ukraine, Georgier und Armenier, Russen, Deutsche aus dem Baltikum und Schweden suchten hier ihr Glück. Die Brüder Nobel machten mit Öl aus Baku ihre ersten Millionen . Die Neureichen bauten jenseits der Stadtmauern eine ganz neue Stadt im europäischen Stil, mit prachtvollen Fassaden und breiten Boulevards.  Baku galt bald als schönste und weltoffendste Stadt des Südkaukasus.

Blick in einen Hinterhof in Baku

Seit etwa zwanzig Jahren erlebt Aserbaidschan seinen zweiten Ölboom und wieder wird gebaut wie verrückt. Der neuen Vorliebe für glänzende Fassaden aus Glas und Stahl, für moderne Appartements mit allem Komfort und 2,60m Deckenhöhe, für zweitstellige Geschosszahlen und spiegelglatte Marmorfußböden müssen die alten Häuser und ihre Bewohner weichen. Dass es ausgerechnet das jüdische Viertel erwischt hat, ist Zufall und hat wahrscheinlich mit seiner Lage zu tun. Eingerissenes Haus

Auf die Idee, die Altbauten zu sanieren scheint niemand gekommen zu sein. Mit neuen  Wohnungen lässt sich zudem mehr Geld verdienen. Und so verschwindet ein ganzes Viertel mit seiner großbürgerlichen Vergangenheit, seinen verwinkelten Treppenaufgängen und Hinterhöfen.

Flügeltür in Abrisshaus

In wenigen Monaten wird nichts mehr übrig sein. Dabei gibt es hier wahre Schätze zu entdecken. Zum Beispiel einen Ofen, wie ich ihn immer haben wollte: Er wird in eine Wand eingebaut und von einem Zimmer befeuert, heizt aber mehrere Räume.

Blick in eine Abrisswohnung

Oder das Luxuskabinett einer unbekannten Familie, die sich reichlich mit Stuck und bunten Farben ausstattete – wie dieser Luxus die Sowjetzeit überlebt hat, fragt man sich und es blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie gnadenlos das alte Geld dem neuen weichen muss.

Luxuskabinett im Abriss

In einigen der Abrisshäuser leben noch immer Menschen. Viele wehren sich entschieden gegen Enteignung und Rausschmiss.  Doch wenn Gerichte in ihrem Sinne urteilen, wird dies von anderen Behörden und Baufirmen einfach ignoriert.  Die Kompensationen, die ihnen angeboten werden, reichen nicht, um eine gleichwertige Wohnung zu bekommen, schon gar nicht im Stadtzentrum. Wer die Entschädigungen nicht annimmt, verliert sein Eigentum trotzdem. Alle Häuser, die bereits geräumt wurden, hat man unbewohnbar gemacht: Türen raus, Fenster raus, Dach runter, Decken durchgebrochen. Bei der Entschlossenheit der örtlichen Behörden kann man wohl davon ausgehen, dass hier bis zum Eurovision Songcontest mindestens mal Baugruben zu sehen sein werden, wenn nicht schon die ersten Fundamente stehen.

Holzbalkons - typisch für Baku

Ähnliche Bausünden wurden natürlich auch in Westeuropa begangen. Man gehe nur einmal durch das Stadtzentrum von Köln oder Kassel. Dort wurde nach dem Krieg auch lieber Tabula rasa gemacht als das, was noch stand wieder herzustellen, oder zumindest die Fassaden zu retten. Schade nur, dass die gleichen Fehler wieder und wieder geschehen müssen.  Ich bin mir sicher, dass viele Aserbaidschaner in zehn oder zwanzig Jahren dem alten Baku hinterhertrauern werden.